Interview Psychologie Heute 4/2010
Die Wiederkehr des Ehrbaren Kaufmanns?

Exklusiv-Interview mit Daniel Klink zum Ehrbaren Kaufmann
Das Informationsportal zum Leitbild des Ehrbaren Kaufmann präsentiert hier exklusiv die Langfassung des Interviews zum Ehrbaren Kaufmann mit Daniel Klink aus der Psychologie Heute 4/2010, S. 46-49
Der Kapitalismus gilt seit seiner jüngsten Krise auch in bürgerlichen Schichten nicht mehr als das ideale Wirtschaftsmodell. Das Leitbild des egoistischen, profit- und gewinngierigen Homo oeconomicus wankt. So zürnte Ralf Dahrendorf kurz vor seinem Tode über die "Mentalität, die die Verrohung der Wertschöpfung ohne Wert" fördere. Aber welches Wirtschaftsmodell und welches Menschenbild kann die Akteure der Globalisierung leiten? Ein Plädoyer des Berliner Managementforschers Daniel Klink für den ehrbaren Kaufmann und eine Verantwortungsökonomie der globalen sozialen Marktwirtschaft
Psychologie Heute: Sie fordern die Renaissance, die Revitalisierung des ehrbaren Kaufmanns – ist das nicht etwas antiquiert angesichts der sogenannten "Krise"?
Daniel Klink: Der Begriff mag antiquiert klingen – die Wirtschaftsweise ist es nicht. In der Tat ist es so, dass der Begriff zu großen Teilen aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden ist. Doch die Reaktionen von Unternehmern auf unsere Forschungsarbeiten zeigen, dass sie sich nahezu vollständig mit dem Ehrbaren Kaufmann identifizieren. Meine Recherchen offenbaren eine außerordentliche Kontinuität im idealen kaufmännischen Verhalten in Deutschland. Diese reicht weit zurück in die europäische Geschichte und ist heute branchenübergreifend bei den Führungskräften zu beobachten und auch unabhängig von der Größe des Unternehmens. Entscheidend ist die Persönlichkeit, der Charakter des Kaufmanns, Unternehmers oder (Spitzen-) Managers.
PH: Was war ein ehrbarer Kaufmann früher? – und was ist, könnte oder sollte er heute sein? Was kann ein mittelalterlicher Hansekaufmann mit einem Frankfurter oder Londoner Finanzmanager des 21. Jahrhunderts gemeinsam haben?
Klink: Im Mittelalter war die Betonung der Ehrbarkeit unter Kaufleuten überlebenswichtig. Ehrbarkeit bedeutete, über eine umfassende humanistische Grundbildung zu verfügen und seine wirtschaftliche Tätigkeit an Wirtschaftstugenden auszurichten, die den Einklang zwischen wirtschaftlichem Erfolg und der Verantwortung gegenüber der Gesellschaft zum Ziel hatten. Grundsätzlich konnte diese ehrbare Verhaltensweise – und sie tut es noch heute – ein stabiles Vertrauen aufbauen, das die Existenz des Kaufmanns und seiner Familie nachhaltig sicherte. War ein Kaufmann pleite, verlor er neben seiner Existenz seine Ehre und wurde der Schande ausgesetzt, Betrüger konnten am Pranger landen. Einen unehrbaren Kaufmann, also einen schändlichen Kaufmann, hat man aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Er durfte keine Ämter mehr bekleiden und im schlimmsten Fall wurde er aus der Stadt vertrieben. In Hamburg durften Bankrotteure beispielsweise keine Tätigkeit im Rat der Stadt ausüben. Schande bedeutete den Verlust des Sozialen Kapitals und ruinierte das Leben des Kaufmanns – finanziell und sozial. Schließlich gab es kaum staatliche Kontrollmechanismen und gehandelt wurde schon im Mittelalter global zwischen London, Nowgorod und Venedig.
Zum Finanzmanager von heute sehen wir hier die Parallele, dass eben auch er darauf angewiesen ist, dass ihm sein gegenüber – heute nicht anders als im Mittelalter eine unbekannte Person auf der anderen Seite des Globus an einem Computer - keine faulen Kredite verkauft, ihn nicht betrügt, also ehrbar ist. So verschieden sind die Welten also nicht: Vom ehrbaren Kaufmann zum ehrbaren Manager. Früher reduzierte die Einigkeit über das ehrbare Verhalten das Risiko von Geschäftspartnern betrogen zu werden. Heute haben wir dafür einen Rechtstaat, dessen Regeln auch recht gut funktionieren. Er versagt jedoch bei exzessiver Unehrbarkeit. Die betrügerischen Perversionen eines Bernhard Madoff oder gewissenloser Finanzjongleure, die wohlweislich faule Kredite verkaufen, sind das eigentliche Problem. Den Kunden betrügen gehört aber nicht in die Kategorie Wirtschaft, das ist kriminell und muss bestraft werden. Das Leitbild des ehrbaren Kaufmanns ist heute also für alle drei Typen von Geschäftsleuten relevant: für den Kaufmann, den Unternehmer und den Manager. Geschäft ist kein Selbstzweck – sondern Mittel zum Zweck des Lebens.
PH: "Abgrundtiefe Verantwortungslosigkeit" wird nicht nur von Obama und seinen Beratern als ein Hauptgrund für die Krise genannt – der Psychologie Howard Gardner hat noch vor der Krise eine Art Hippokratischen Eid für Business und Management gefordert. Was halten Sie davon?
Klink: Gardners Idee zeigt in die richtige Richtung. Ein Eid schafft ein besonderes Bewusstsein für Verantwortung und nachhaltige Betriebsführung. Absolventen der Harvard Business School haben Anfang dieses Jahres einen Geschäftseid für MBA-Absolventen ins Leben gerufen (http://mbaoath.org/). Die Resonanz darauf ist sehr groß: Offenbar gibt es das Bedürfnis, sich auf die gute Seite stellen zu wollen. Ein Eid leidet jedoch zwangsläufig an Tiefe – er ist sinnvoll als Bekenntnis und wirkt nachhaltig, wenn auch die Managementausbildung systematisch Nachhaltigkeit und Verantwortung thematisiert. Wir verfolgen diesen Weg am Institut für Management seit einigen Jahren und es gibt sogar erste Studiengänge mit dem erklärten Ziel, verantwortungsbewusste Manager zu erziehen. Die Hamburg School of Business Administration hat beispielsweise den Studiengang Master of Honourable Leadership entwickelt. Die erste Generation ehrbarer Manager geht gerade in die Ausbildung, diese orientiert sich am Leitbild des Ehrbaren Kaufmanns.
PH: Wie bekommen wir den ehrbaren Kaufmann und Manager? Was muss getan werden – was muss sich ändern?
Klink: Ein ehrbarer Kaufmann wird man in einem Wachstums-, Erziehungs- und Bildungsprozess, der auch von kaufmännischer Ausbildung und Erfahrung geprägt sein muss, die wechselseitig die Sinnhaftigkeit für ehrbares Verhalten stützen müssen. Es wird schnell klar, dass dieser zu großen Teilen auch psychologische Prozess bereits früh beginnen muss. In Familienunternehmen wachsen die Kinder im Betrieb auf und lernen die Regeln "en passant". Hier gibt es deutliche Defizite in der deutschen Schulbildung: In weiten Teilen des Landes vermissen wir einen fundierten wirtschaftlichen Schulunterricht - und wenn wir ihn beobachten, ist er wenig kindgerecht, sondern an theoretischen Modellen der akademischen Theorie ausgerichtet. Es wurde nicht verstanden - und das wird es bisweilen heute noch nicht -, dass der Homo Oeconomicus eine vereinfachte Modellüberlegung ist und kein Leitbild für das richtige Verhalten darstellt. Leider wurde diese Tatsache von lehrenden Ökonomen nie erwähnt und die psychologische Wirkung war die, dass die Studierenden in gewisser Weise von der Nutzenidee, von Kosten-Nutzen-Kalkülen angesteckt wurden. Eine Studentin sagte mir jüngst, sie habe "hier erstmal ganz anders denken lernen müssen", und ich kann auch persönlich sagen, dass Verantwortung eine Vokabel ist, dass ich im Wirtschaftsstudium nie gehört habe – mit Ausnahme am Institut für Management, an dem ich ja jetzt auch tätig bin. Der ehrbare Kaufmann sollte wieder das Leitbild der Betriebswirtschaftslehre sein und in die Lehre eingewoben werden – wie das ja im 20. Jahrhundert am Beginn der Betriebswissenschaft schon der Fall war. Letztlich besteht die Herausforderung künftig darin, das weiche Leitbild des ehrbaren Kaufmanns zu einer harten, durchsetzbaren, grundgesetzähnlichen Regelung im Rahmen der deutschen Ordnungsethik zu machen. Entweder im Manager bezogenen Rahmen der Corporate Governance – der "guten Unternehmensführung" – oder im Idealfall als juristisches Leitbild, um Vergehen in der unternehmerischen Grauzone zur Anklage bringen zu können.
PH: Wirtschaftsethik gibt es zwar schon länger als akademische Disziplin, sie führt aber in Insiderkreisen als "Blablafach" ein Schattendasein, der St. Galler Wirtschaftsethiker Ulrich Thielmann versteht die Angebote gar als "Alibi" – und Wirtschaftsstudenten sind einer aktuellen Studie zufolge die aktivsten Schummler, ganz nach dem Motto: Erlaubt ist alles, was gut für einen selbst ist.
Klink: Der oft nur marginale Stellenwert der Wirtschaftsethik resultiert aus der Diskrepanz zwischen der Modellwelt der ökonomischen Theorien des 20. Jahrhunderts, die überall im Wirtschaftsstudium angewendet und sogar in die Soziologie übertragen werden, und dem separat angebotenem Fach Wirtschaftsethik, das plötzlich andere Kategorien hineinbringt. Ein weiteres Problem ist die philosophische Herkunft des Faches – mit dem praktischen Leben hat es oft wenig zu tun: Was nützt es dem Manager, bei einem bestimmten Entscheidungsproblem auf Kants abstrakten kategorischen Imperativ verwiesen zu werden?
Insgesamt bestätigen mehrere Studien, dass Studenten der Ökonomie systematisch egoistischer sind als Studenten anderer Fachrichtungen – wobei es zu Studienbeginn unter den Fachrichtungen keine Unterschiede gibt, aber schon nach einem Semester die Ergebnisse der Ökonomiestudenten deutlich in Richtung Ich-Bezogenheit tendieren. Hier wird ein Prozess der Prägung offenbar, der durch die Modellwelt der ökonomischen Lehre erzeugt wird. Einer der zentralsten Aussagen zu Beginn eines Studiums der Volkswirtschaftslehre ist der berühmte Satz von Adam Smith: "Es ist nicht die Güte und Mildtätigkeit des Metzgers, Brauers oder Bäckers, der wir unser Essen verdanken, sondern deren egoistischem Eigeninteresse". Dieser Satz von 1776 ist die Grundbedingung für die vereinfachte Modellwelt der wirtschaftlichen Theorien, die den Homo oeconomicus als eigennutzmaximierendes Wesen annehmen. Die Absicht war aber nie, mit diesem Modell den Regelfall der komplexen menschlichen Natur darzustellen, sondern für bestimmte Extremsituation klare Vorhersagen treffen zu können. Da der Satz sehr eingängig ist, wird er leider nicht wirklich hinterfragt. Eigennutz treibt den Menschen an: Das scheint logisch, richtig und ist zugleich falsch – prägt allerdings junge Studenten in ihrem einfachen Weltbild. Aber Smith war ja auch Moralphilosoph und seine Moral Sentiments beginnen mit folgendem Satz: "Mag man den Menschen für noch so egoistisch halten, es liegen doch offenbar gewisse Prinzipien in seiner Natur, die ihn dazu bestimmen, an dem Schicksal anderer Anteil zu nehmen, und die ihm selbst die Glückseligkeit dieser anderen zum Bedürfnis machen, obgleich er keinen anderen Vorteil daraus zieht als das Vergnügen, Zeuge davon zu sein." Schon beim Stammvater der modernen, kapitalistischen Marktwirtschaft wird also sehr deutlich, dass wir es in der Realität mit einem Gleichgewicht aus Eigennutz und Gemeinwohl zu tun haben – das sich im tugendhaften Verhalten des Ehrbaren Kaufmann reflektiert und konkretisiert.
PH: Wie beurteilen Sie in diesem Zusammenhang die Sozial- oder Nachhaltigskeitsformel CSR – Corporate Social Responsibility? Geht es wirklich um ein Engagement kapitalistischer Unternehmen für Umwelt- und Klimaschutz, Gesellschaft, Wissenschaft und Mitarbeiter? Kenner und Kritiker wie Peter Horvath sprechen von einem bisher völlig unklaren Konzept und einer vorwiegend "PR-tauglichen Funktion" der Unternehmensdarstellung.
Klink: Zunächst wird der Mangel an praktischer Orientierung der Wirtschaftsethik in der praktisch ausgerichteten Forschungsströmung der Corporate Social Responsibility aufgehoben. Die Kritik an der CSR-Forschung ist allerdings auch spiegelbildlich: Der CSR-Forschung fehle es an theoretischer Tiefe und einem einheitlichen Konzept - viele verwechseln CSR gar mit Spendenmanagement. Dabei geht es viel tiefer, wenn man deutlicher herausarbeiten würde, was denn die Rolle von Unternehmen in der Gesellschaft wirklich ist. Bevor man den Begriff CSR konkret und verbindlich definieren kann, muss man erst einmal verstanden haben, was Gesellschaft ist – und das ist bisher ausgeblieben. Meiner Ansicht nach sollten CSR und Wirtschaftsethik gemeinsam an Lösungen arbeiten: Das neue Fach sollte Verantwortungsökonomie heißen, denn im Gegensatz zur Ethik, die - wie jüngst auch der Papst anmerkte - beliebig sein kann und vielleicht gerade deshalb auf Ablehnung stößt, ist Verantwortung nie beliebig und immer sinnvoll, wünschenswert. Wie Verantwortungsbewusstsein verwirklicht werden kann und zu verantwortungsvollem Verhalten führt, wäre dann der Forschungsgegenstand – an dem gerade auch die Psychologie enorme Anteile hätte, denn ihre Erkenntnisse über individuelles und soziales Erleben und Verhalten sind von immenser Wichtigkeit.
PH: Würde den Wirtschaftswissenschaften prinzipiell etwas mehr Psychologie gut tun – den ehrbaren Kaufmann gleichsam weiter komplettierend?
Klink: Definitiv! Bisher fand die einzelne Person im System Betrieb kaum Beachtung. Die Wirtschaftspsychologie findet zwar Wege, den Menschen im wirtschaftlichen Kontext verstehen zu lernen – aber der Psychologie fehlt die normative Komponente. Allenfalls die Positive Psychologie enthält hier Ansätze. Die sogenannten Behavioral Ethics aus den USA versuchen seit kurzem, psychologisches Wissen mit normativen Konzepten der Betriebsführung zu verknüpfen. Die Psychologie kann entscheidende Impulse geben, da sie in der Lage ist, normative Ideen des menschlichen Verhaltens auf eine sichere akademische, empirische Grundlage zu stellen. Denn wenn bewiesen werden kann, dass sich bestimmte Arten der Führung positiv auf die Mitarbeiter und ihre Motivation auswirken – also mittelbar auch auf die Produktivität –, verlassen wir das Bla-Bla und sind in der ureigenen wissenschaftlichen Zielstellung der Betriebswirtschaftslehre: Empfehlungen für die optimale Betriebsführung zu geben. Wenn wir es dabei schaffen, die Gesellschaft so zu integrieren, dass sich Wettbewerb, gutes Verhalten und Unternehmenserfolg nicht ausschließen, sondern einander gar bedingen, sind wir einen bedeutenden Schritt weiter: Es wird dann einfacher, die gesellschaftlichen und nachhaltigen Dimensionen von CSR wirklich zu leben, weil wir den komplexen Sinnzusammenhang sozialer Systeme und wirtschaftlicher Notwendigkeiten besser verstanden haben werden.
PH: Lord Dahrendorf hat in seinem letzten Essay unter dem Titel "Die verlorene Ehre des Kaufmanns" vor allem zwei Probleme für die Krise und deren längerfristige Lösung analysiert: Das technische Problem des Kasinokapitalismus, "Geld nur mit Geld zu ´verdienen´" – und nicht mit der Wertschöpfung von Gütern oder Dienstleistungen –, sowie das psychosoziale und gesellschaftliche Problem der "Mentalität, die diese Verrohung der Wertschöpfung ohne Wert" förderte. Was meinen Sie zu diesem Mentalitätenproblem der nationalen wie globalen Führungseliten?
Klink: Dieses Problem sehe ich ganz ähnlich – und möchte die Manager sowohl in Schutz nehmen wie auch anspornen, besser zu reflektieren. Wie bereits erwähnt liegt die zu Recht kritisierte Mentalität tief in der von Eigennutztheorien geprägten Erfahrungswelt der Manager begründet. Manager sind im Gegensatz zu Unternehmern direkt an Verantwortungspositionen gesetzt und treffen auf Personen mit ähnlicher Prägung: Das bestätigt ihr Weltbild, führt zu einem Mangel an Reflexion, der wiederum Fehlentscheidungen begünstigt, weil sie ihre Stellung im gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang der mittlerweile hochkomplexen Weltgesellschaft nicht verstanden haben. So lernt ein Finanzmanager nie, wie Unternehmen entstehen, sondern wie er die Zahlen und Modelle nutzen kann – um am Ende eine größere Zahl am Bildschirm zu sehen. Es gibt Computerprogramme, die darüber entscheiden, ob Investments sinnvoll sind. Diese unnatürliche Entkopplung von Real- und Finanzwirtschaft muss durch eine verbesserte Ausbildung der Entscheidungsträger und durch sinnvolle globale Ordnungsrahmen überbrückt werden. Das Ziel muss es sein, dass Finanzmanager ihre Verantwortung gegenüber der Gesellschaft verstehen, ihre Rolle im Gesamtsystem erkennen und dementsprechend ermutigt werden, die verschiedenen Interessensträger mit in ihre Entscheidungen einzubeziehen – die sogenannten Stakeholders, intern wie extern: Mitarbeiter also genauso wie Kunden oder Lieferanten, Staat und Gesellschaft.
PH: Sie sehen den ehrbaren Kaufmann als ebenso grundlegend wie bahnbrechend für die Globale Soziale Marktwirtschaft der Zukunft – was darf man sich darunter vorstellen? Das von Lord Dahrendorf gewünschte "neue Weltwirtschaftssystem" eines verantwortlichen Kapitalismus?
Klink: Die Globale Soziale Marktwirtschaft ist die logische Weiterführung des europäischen Erfolgsmodells auf globaler Ebene. Die verschiedenen regionalen Handelsregionen wie die ASEAN in Asien kopieren es ja bereits seit den 1990er Jahren. Angela Merkel tritt dafür ein, Horst Köhler ebenfalls. Barack Obama zeigt sich sehr interessiert und ich hoffe, wir werden in den nächsten Jahren weitere Schritte in diese Richtung beobachten können. Die Globale Soziale Marktwirtschaft ist ein Modell der transnationalen Kooperation, das weltweit einheitliche Regeln für funktionierende Märkte und Wettbewerb ermöglicht und die gesellschaftlichen Folgen der ökonomischen Entwicklung in die gewünschte Richtung lenken. Die globale Rahmenordnung muss das ehrbare Wirtschaftverhalten zum Ziel haben. Das bedeutet, dass die wirtschaftliche Freiheit von der Gemeinschaft – also dem Staat – nur geduldet werden kann, wenn sie mit Verantwortung gepaart ist und einhergeht mit nachhaltiger, gesamtgesellschaftlicher Entwicklung. Das dafür notwendige Verhalten liefert das Leitbild des Ehrbaren Kaufmanns: Als verantwortlich handelnder und nachhaltig wirtschaftender Unternehmer oder Manager kann er aktiv am Aufbau einer internationalen Sozialen Marktwirtschaft mitarbeiten. Das Leitbild des ehrbaren Kaufmanns ist auf dem Weg in die Globale Soziale Marktwirtschaft von außerordentlicher Bedeutung, weil es im internationalen Maßstab noch keine Ordnungsethik gibt. Historisch gesehen könnte man einen Bogen spannen: Im Mittelalter war er Stütze der Stadt, dann Bewahrer der konstitutionellen Monarchie, schließlich Hüter und Erfüllungsgehilfe der Sozialen Markwirtschaft.
PH: Wenn Sie als wichtiger Berater nationaler wie internationaler Regierung/en oder krisenrelevanter Gremien tätig sein könnten, wie würde Ihr Konzept aussehen: welche Botschaft, welchen Rat würden Sie formulieren?
Klink: Als solcher Superman würde ich drei Forderungen aufstellen: Förderung der Eigeninitiative, Aufklärung über Ehrbarkeit und Internationale Rahmenbedingungen im Sinne einer Globalen Sozialen Marktwirtschaft schaffen!
Es ist von größter Wichtigkeit die wirtschaftliche Eigeninitiative der Menschen zu fördern, wie es etwa der nachhaltige, mit dem Friedensnobelpreis gefeierte Erfolg bei der Armutsbekämpfung in Bangladesh durch die Mikrokredite der Grameen-Bank von Muhammad Yunus bestätigt. Der katastrophale Misserfolg der finanziellen Entwicklungshilfe an Staaten dagegen zeigt, dass nicht viel Geld die Probleme der Menschen lösen kann, sondern die richtige Geldmenge in der Hand einer Person mit einer richtigen, wichtigen Idee. Denn es ist die Eigeninitiative, die flächendeckend Wohlstand erzeugt. Staaten müssen diese in den weniger entwickelten Regionen fördern.
Gleichzeitig müssen Regierungen durch Ausbildungsprogramme Aufklärung darüber betreiben, wie wichtig die Ehrbarkeit für den langfristigen wirtschaftlichen Erfolg ist. Regierungen müssen dabei auch erkennen, dass die dezentrale, auf Freiheit beruhende und mit Verantwortung gepaarte Wirtschaftsweise zur nachhaltigen gesellschaftlichen Entwicklung beiträgt. Diese ist aber niemals ausschließlich ökonomischer Natur. Das sehen wir eindrucksvoll am Erfolg der Bundesrepublik, die trotz der Mentalität, Probleme in den Vordergrund zu stellen, ein blühendes kulturelles Leben hervorgebracht hat und stetig weiterentwickelt.
Unverzichtbar sind schließlich einheitliche globale Spielregeln, die die Eigeninitiative ermöglichen und zugleich die Einhaltung der Regeln der Ehrbarkeit fordern. Vetternwirtschaft und Korruption bedrohen den Mut, Eigeninitiative zu zeigen und sich wirtschaftlich zu betätigen – ehrbare Kaufleute würden sich einem solchen Spiel entziehen und gar nicht erst mitspielen. Der Verlust der unternehmerischen Ideenkraft und Lösungsfreude träfe uns alle hart. Die Globale Soziale Marktwirtschaft ist natürlich auch in einer kooperativen Weise grenzüberschreitend tätig. Dieser "kooperative Kapitalismus" basiert auf der gegenseitigen, transnationalen Unterstützung zum Wohle aller. Weltweite Länderfinanzausgleichsysteme wären beispielsweise sehr wünschenswert, so lange die Förderung der Eigeninitiative in jeder Region eine hohe Priorität hat. Es bedarf also der Förderung der Eigeninitiative, Aufklärung über die wirtschaftliche Ehrbarkeit, die die betriebswirtschaftlichen Fähigkeiten selbstverständlich enthält und einer Globalen Sozialen Marktwirtschaft, die das ganze wirtschaftliche Leben schützend umklammert.
PH: Was bringt die Zukunft, falls der Ehrbare Kaufmann oder Manager nicht Mainstream in Lehre und Praxis sein sollte? Wäre folgende Perspektive des Chronisten Thomas Assheuer ein Worst-Case-Szenario?: "Möglich, dass die alten streitbaren und vitalen Demokratien in naher Zukunft einer abgelaufenen Epoche angehören und der große Kolonialherr, die weltweit tätige Ökonomie, die letzten nicht-monetarisierten Flecken der Lebenswelt erobert".
Klink: Ich halte nicht viel von Pauschalisierungen und Dämonisierungen, "die weltweit tätige Ökonomie" ist ja kein Wesen, das sein Unheil treibt – ich verstehe aber die Angst, die hinter solchen Formulierungen steckt. Ich bin dennoch optimistisch, dass der Ehrbare Kaufmann und die Verantwortungsökonomik das 21. Jahrhundert prägen werden und in einer wohlverstandenen Reflexion in die Postmoderne führen können, die sich grundlegend in ihren Strukturen und Denkweisen von der Moderne absetzen wird. Die Wege und Möglichkeiten der Kommunikation und des Austauschs sind so stark geworden, dass ich keine Angst vor dem schlimmsten Fall habe. Unser Informationsportal existiert gerade aus diesem Grund: Die Menschen mit guten Intentionen mit dem Selbstbewusstsein und Wissen auszustatten, die ihnen die Verteidigung des Guten und der Verantwortung ermöglichen.
Mit Daniel Klink sprach Andreas Huber
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