Axel Springer (1912-1985)

Axel Cäsar Springer (1912-1985)

Fotografie von Axel Cäsar Springer

 

Man kann die größten Buchstaben, aber nicht die kleinste Lüge verantworten

Axel Cäsar Springer

Übersicht

Zeitungsverleger, sowie Gründer und Inhaber des Verlages Axel Springer AG.

Durch die Vormachtstellung seines Konzerns in der Medienlandschaft gilt Axel Springer als eine der umstrittensten Nachkriegspersönlichkeiten Deutschlands. Auf der einen Seite wurde er von linken Kräften für seine Berichterstattung über den Tod von Benno Ohnesorg und seiner amerikafreundlichen Presse gehasst. Auf der anderen zeigte Springer jedoch großes Engagement in der deutsch-jüdischen Aussöhnung. Lesen Sie in den folgenden Abschnitten, inwiefern Springer den Grundsätzen eines Ehrbaren Kaufmanns entspricht. 

Das Unternehmen und der Verleger

Axel Springer wurde am 2. Mai 1912 in Altona bei Hamburg geboren. Sein Vater Hinrich Andreas Theodor Springer war Verleger und Druckereibesitzer. 1928 begann Springer eine Lehre als Drucker und Setzer im elterlichen Verlag. Es folgten Volontariate bei Papierfabrikanten und einer Nachrichtenagentur. Das Journalistenhandwerk erlernte Axel Springer beim „Bergedorfer Anzeiger“. In diesen Ausbildungsjahren erwarb er sich seine außergewöhnlichen fachlichen Fähigkeiten als Blattmacher und Journalist. Er arbeitete während der Zeit der Nazidiktatur bei der Zeitung seines Vaters. Ein ärztliches Attest bewahrte ihn vor dem Wehrdienst.

1946 startete Axel Springer den Aufbau des später größten europäischen Zeitungshauses mit der Herausgabe der „Nordwestdeutschen Hefte“ und der Programmzeitschrift HÖRZU. Es folgten die Zeitschrift „Constanze“ und am 14. Oktober 1948 seine erste Tageszeitung, das HAMBURGER ABENDBLATT. 1950 begann Springer mit dem Bau des Verlagsgebäudes in Hamburg. 1952 erfand Axel Springer die BILD-Zeitung (BILD). Er kaufte DIE WELT (WELT), WELT am SONNTAG und „Das Neue Blatt“. 1954 erschien erstmalig BILD am SONNTAG. 1957 überstiegen BILD und HÖRZU jeweils die Drei-Millionen-Auflage und bildeten damit die Basis der wirtschaftlichen Existenz seines Unternehmens. 1959 kaufte Axel Springer den Berliner Ullstein Verlag mit den Titeln B.Z. und BERLINER MORGENPOST.

Haupteingang des Axel-Springer-Hauses in Berlin
Haupteingang des Axel-Springer-Hauses in Berlin

Zwei Tage vor dem Ablauf des Berlin-Ultimatums 1961, das Berlin von Westdeutschland trennen sollte, begann Axel Springer mit dem Bau seines Verlagshauses direkt an der Sektorengrenze in West-Berlin. Es wurde am 6. Oktober 1966 mit einem großen Festakt, eingeweiht. Wenige Monate später nahm anlässlich der Ermordung des Studenten Benno Ohnesorg die 68er-Bewegung ihren Anfang. Axel Springer und sein Verlag verkörperten das Feindbild der Bewegung und wurden zum Symbol für das „verkrustete System“. Seine Verlagshäuser in Berlin und Hamburg wurden in der Folgezeit zur Zielscheibe von Protesten und einem Bombenanschlag der RAF. Als Reaktion darauf verkündete Springer im Jahr 1967 seine vier Unternehmensgrundsätze, die fortan und bis heute in leicht veränderter Form alle Redakteure seines Hauses in ihren Arbeitsverträgen unterschreiben müssen.

1970 erfolgte die Zusammenfassung aller Einzelgesellschaften des Verlags, deren Alleinaktionär Axel Springer wurde. 1983 erschien zum ersten Mal BILD der FRAU. Im Jahr darauf gelang Springer der Einstieg in das Fernsehgeschäft. Axel Springer verstarb am 22. September 1985 im Martin-Luther-Krankenhaus in Berlin. Vier Jahre später fiel der „Eiserne Vorhang“. Deutschland wurde wiedervereinigt. Das Berliner Verlagshaus steht heute in der Mitte der neuen Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland.

Axel Springer war fünf Mal verheiratet. Die letzte Eheschließung erfolgte 1978 mit Friede Riewerts. Sie ist die heutige Hauptanteilseignerin der Axel Springer AG und sieht es als ihre Pflicht an, „das Erbe Axel Springers zu wahren und fortzuführen“.

Springers Persönlichkeit

Axel Springer in den 60er Jahren
Axel Springer in den 60er Jahren

Während des Nationalsozialismus war Axel Springers Mutter eine bekennende Hitler-Gegnerin und galt in der Familie als ein Beispiel für politischen Anstand...

Schon zu Schulzeiten zeigte sich bei ihm ein tiefer Sinn für Gerechtigkeit und menschliches Mitgefühl...

Springer beherrschte das Verlagswesen und den Journalismus „von der Pike auf“ und war bis zum Schluss unangefochtener „erster Journalist“ seines Hauses...

Dem Verleger fehlte eine solide kaufmännische Ausbildung. Das Lesen von Bilanzen hatte Axel Springer nie gelernt. Es gehörte zu den großen Schwächen des Verlegers, dass er alles, was mit Geld, Finanzvermögen, Zinsen oder Steuern zu tun hatte, gerne an andere delegierte... 

Humanistische Grundbildung

Axel Springer genoss von Haus aus eine humanistische Bildung. Mutter Ottilie Springer erzog ihren Sohn Axel mit überbordender Liebe. Die Goethe-Verehrerin hasste das Laute und Grobschlächtige und flößte ihren Kindern den Drang nach allem Guten, Wahren und Schönen ein. Axel Springer bezeichnete sie als die Lehrerin seines Lebens. Während des Nationalsozialismus war Axel Springers Mutter eine bekennende Hitler-Gegnerin und galt in der Familie als ein Beispiel für politischen Anstand. Damit prägte sie ihren Sohn, der später jegliche Art des Totalitarismus verabscheute. Springer war, wie er selbst bekundete, kein Held des Widerstandes. Aber die liberale Prägung durch sein Elternhaus bewahrte ihn davor, Nationalsozialist zu werden.

Der angesehene Verleger Hinrich Springer galt dem Sohn als wirtschaftliches Vorbild. Er brachte ihm den Umgang mit Menschen bei, und vermittelte ihm die Grundzüge des Verhältnisses zur Politik, zur Gesellschaft und zum Leben im Allgemeinen. Von ihm lernte Axel Springer, „seinen Betrieb so zu führen, dass er gesund und erfolgreich ist. Und das Schicksal und Wohlergehen seiner Mitarbeiter ebenso im Auge zu haben wie sein eigenes“. Viele der freiheitlich denkenden und liberalen Autoren, die für den väterlichern Verlag „Hammerich & Lesser“ schrieben, prägten das jugendliche Umfeld Axel Springers. Schon zu Schulzeiten zeigte sich bei ihm ein tiefer Sinn für Gerechtigkeit und menschliches Mitgefühl.

Kaufmännisches Fachwissen

Nach der Schulzeit machte Springer auf Drängen des Vaters eine Lehre als Setzer und Drucker. Es folgte eine Ausbildung in der Papiergroßhandlung „Sieler & Vogel“ in Hamburg. Danach begann er seine Lehre beim Nachrichtendienst WTB. Das Journalistenhandwerk erlernte er in der regionalen „Bergedorfer Zeitung“. Die Volontärzeit endete am 30. September 1933. Sein Traum, als Journalist beim bewunderten Berliner Ullstein Verlag zu arbeiten, wurde durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten verhindert. Springer wurde daraufhin Redakteur, leitender Redakteur, Chef vom Dienst und später stellvertretender Chefredakteur bei den „Altonaer Nachrichten", der Zeitung im Besitz seines Vaters. Dort erfuhr Springer, was es bedeutete, eine Regionalzeitung herauszugeben. Vom Kauf der Immobilien, Einrichten der Redaktion, Anschaffung und Kapazitätsausnutzung leistungsfähiger Druckmaschinen, Gründung eines Teams bis hin zur kommunikationspolitischen Rolle der Zeitung und des Verlegers war alles Thema im Elternhaus Springers. Schon damals erfuhr Axel Springer, wie dabei auf das politische Umfeld zu achten ist. Springer beherrschte das Verlagswesen und den Journalismus „von der Pike auf“ und war bis zum Schluss unangefochtener „erster Journalist“ seines Hauses.

Kaufmännische Grundausbildung

Axel Springer definierte sich selber als obersten Journalisten seines Hauses, er war ein kreativer Mensch, aber kein Kaufmann. Er hatte eine Abneigung gegen alle kaufmännischen Tätigkeiten. Doch unbestritten lässt sich Springer aufgrund der Tatsache, dass er aus dem Nichts heraus Europas größtes Verlagshaus aufgebaut hat, durch und durch als Unternehmer bezeichnen. Genau deshalb, sowie in seiner Eigenschaft als Verleger, ist er als Kaufmann zu erkennen.

Dem Verleger fehlte eine solide kaufmännische Ausbildung. Das Lesen von Bilanzen hatte Axel Springer nie gelernt. Es gehörte zu den großen Schwächen des Verlegers, dass er alles, was mit Geld, Finanzvermögen, Zinsen oder Steuern zu tun hatte, gerne an andere delegierte. Sein Interesse an Daten und Zahlen erwachte nur, wenn er neue Geschäftschancen ausmachte. Im Jahr 1941 notierte er minutiös den Gewinn, der ihm bliebe, wenn er später eine wöchentliche Illustrierte verlegen würde. Beim Bau des Berliner Verlagshochhauses, das er im Flugzeug auf einer Spucktüte skizzierte, notierte er ausführlich, welche Abschreibungen er damit tätigen könnte und wie viele Steuervergünstigungen er vom Staat für sein Berlin-Engagement bekommen würde. Ebenso war er stets an der Ertragssituation seiner Blätter interessiert, vor allem nachdem die Auflage seiner Cash-Cow BILD-Zeitung erstmals einbrach. Er wusste, dass das Wichtigste für sein Haus der Erhalt des finanziellen Fundaments zur Sicherung der journalistischen Unabhängigkeit war. Doch von „Unternehmensführung [hatte er] keine Ahnung und zur ruhigen Führung des Tagesgeschäftes nicht das Sitzfleisch“. Bilanzen, Marktforschung, Technik, Vertrieb nahm der Verleger nur notgedrungen zur Kenntnis. „Bei Axel Springer wurde alles über den Daumen gepeilt. Wenn der schwarze Balken etwas höher war als der rote, dann war alles in Ordnung.“ Ein weiteres Defizit in Axel Springers fachlicher Ausbildung war seine fehlende Auslandserfahrung. Außerdem sprach er nur mäßig Englisch und Französisch.

Springer verstand es, diese fachlichen Mängel zu überbrücken, indem er sich immer zur rechten Zeit die richtigen Personen mit den benötigten Fähigkeiten an seine Seite holte. Springer hatte bei der Wahl seiner engsten Mitarbeiter wie auch bei vielen anderen Entscheidungen ein außergewöhnliches Feingefühl. Qualität und das Auftreten waren für ihn die ausschlaggebenden Kriterien. Karl Andreas Voß, der Ehrbare Kaufmann aus den Anfangstagen, achtete auf die Finanzen und zügelte den wirtschaftlich unkontrollierten Jungverleger. Christian Kracht war der erste richtige Manager und Buchhalter im Konzern. Peter Tamm verkörperte die hart durchgreifende Hand im Tagesgeschäft und Ernst Cramer wurde zum Organisator der internationalen Beziehungen.

Axel Springer, der selber davon überzeugt war, dass kein Mensch „den ganzen Bogen“ besitze, erfüllte durch seine ihm persönlich eng verpflichteten Mitarbeiter alle Kriterien des Ehrbaren Kaufmannes im engeren Sinn: Die humanistische Bildung aus dem Elternhaus, einen gefestigten, willensstarken Charakter mit wirtschaftlichen Tugenden und durch seine engsten Mitarbeiter wirtschaftswissenschaftliche Kompetenz.

Verantwortung für das Unternehmen

Springer in späteren Jahren
Springer in späteren Jahren

Den Kriterien des Ehrbaren Kaufmannes entsprechend, zeigte Axel Springer ein ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein auf Unternehmensebene.

Er war ein äußerst sozialer Arbeitgeber mit Führungsqualitäten und stellte den Kunden, also die Leser der Blätter seines Hauses, in den Mittelpunkt seines Handelns. Konkurrenzkämpfe gewann Axel Springer nicht durch unlautere Methoden sondern durch den freien Wettbewerb.

Sein Ziel war nicht das Markt- und Meinungsmonopol. Er war sich der Notwendigkeit von Konkurrenz und Wettbewerb bewusst und zeigte Verantwortung für den Erhalt der Marktmechanismen. Als in den späten sechziger Jahren die antikapitalistische Stimmung zunahm, warb er unermüdlich für die „Unabhängigkeit des am Markt erfolgreichen und zugleich sozial verantwortlichen Unternehmertums“.

Mitarbeiter

Der Axel Springer Verlag stand schon in den fünfziger Jahren im Ruf, ein besonders sozialer Arbeitgeber zu sein. Den Managern seines Hauses zahlte Springer Gehälter, die denen der Vorstandsmitglieder der Deutschen Bank glichen. Als Charakterschwäche Springers lässt sich sein Unvermögen deuten, sich persönlich von engen Mitarbeitern zu trennen. Er überließ diese Aufgabe oft anderen Managern. Dafür war er aber bereit, Abfindungszahlungen in Millionenhöhe zu leisten. Typisch für ihn als sozial eingestellten Verleger war, einmal degradierten Führungskräften bei Gelegenheit eine zweite Chance zu geben. Zyniker behaupteten, Springer folgte dem Grundsatz: „Halbe Funktion, doppeltes Gehalt.“ Sein Verhalten zeugt jedoch von einer sozialen sowie menschlichen Haltung seinen Mitarbeitern gegenüber.  

Die kleinen Angestellten standen Axel Springer immer besonders nahe. Seine privaten Bediensteten erhielten alle großzügig bemessene Gehälter. Springer zeigte ihnen gegenüber immer ein großes Interesse und verhielt sich aufgeschlossen und zuvorkommend.

Schon bevor sich Gewerkschaften dafür einzusetzen begannen, bot Springer den Mitarbeitern seines Unternehmens freiwillig außergewöhnliche Sozialleistungen. Er bezahlte übertariflich, gründete frühzeitig einen Pensionsfond und stellte seiner Belegschaft vergünstigte Wohnungen zur Verfügung. Deutschlands oberster Gewerkschaftsvertreter bestätigte Axel Springer: „Für soziale Unternehmer wie Sie brauchen wir keine Gewerkschaften.“Vor allem während des „roten Jahrzehnts“ (1967-1977), als die Beschäftigung bei Springer einer politischen Brandmarkung glich und die Abwanderung von Redakteuren spürbar wurde, sicherte sich Springer mit deutlich höheren Gehältern als seine Konkurrenten die Treue seiner Journalisten. Der Springer-Biograf Schwarz spricht in diesem Kontext von „Goldenen-Fesseln“ doch für Axel Springer war das weniger ein Ausdruck von „machiavellistischem Kalkül“ als vielmehr sein Bestreben, die Bildung einer großen Betriebsfamilie voranzutreiben. Das Wir-Gefühl und das Wohlergehen aller am Unternehmen Beteiligten stand für ihn an oberster Stelle.

In diesem Geist motivierte Springer seine Mitarbeiter zu überdurchschnittlichen Leistungen. Er galt als außergewöhnlicher ‚Menschenführer’, „konnte mitreißen und begeistern.“ „Er hat erreicht, dass es sich von selbst verstand, 10, 12, 14 und 16 Stunden zu arbeiten“. Durch Sachverstand und Überzeugungstalent schaffte er es, dass die Leute, die ihn umgaben, mühelos seine Führungsrolle anerkannten.

Springer erinnerte sich an Geburtstage und verschickte Präsentkörbe mit Lebensmitteln an hunderte von Mitarbeitern als Dank für herausragende Leistungen. Zu Weihnachten gab es bereits besondere Vergünstigungen oder Prämienzahlungen, als das in anderen Betrieben noch völlig unbekannt war. Sein Konzern war nicht irgendein Arbeitgeber mit Arbeitnehmern, sondern hatte für Axel Springer den Charakter einer Gemeinschaft. Im Umgang mit Bediensteten und Mitarbeitern waren Mildtätigkeit, Mitgefühl, Großzügigkeit und Toleranz seine Leitprinzipien. Arroganten Managern gegenüber konnte Axel Springer cholerisch und jähzornig sein. Galt ein solcher Wutausbruch aber einem seiner kleineren Bediensteten, so vergaß er nie, sich später zu entschuldigen.

Axel Springer wusste, dass der Erfolg seines Hauses auf der Qualität seiner Produkte beruhte und damit von der Leistungsbereitschaft seiner Journalisten abhängig war. „Im Unternehmen, so betonte [er] wieder und wieder, sei der Journalist‚ der erste Mann im Haus’. Alle anderen Bereiche – ob Anzeigen, Vertrieb, Technik oder Marktforschung - alle hatten sich dem Journalismus unterzuordnen. Von ihm allein hingen letztendlich Anzeigen, Auflagen und Erlöse ab.

Kundenorientierung und wirtschaftliche Tugenden

Springer empfand sich als Dienstleister für den Leser und versuchte immer, genau dessen Wünsche umzusetzen. Sein wirtschaftliches Interesse galt zeit seines Lebens dem >kleinen Mann<. Christian Kracht erzählt, wie der Verleger, wenn er mittags durch die Stadt ging, beim Blick auf die Passanten immer wieder sagte: „Wie zwinge ich den stehenzubleiben? Wie zwinge ich den - bei Regen, bei Wind und Wetter, bei schlechter Laune, guter Laune, bei Gesprächen, bei Gedanken im Kopf - stehenzubleiben, in die Tasche zu greifen, 30 oder damals 20 Pfennig zu suchen“, um eine seiner Zeitungen zu kaufen. Um herauszufinden, was beim Leser auf positive Resonanz stoßen könnte, schickte er Studenten mit Stoppuhren in die U-Bahn. Sie sollten beobachten, wie lange die Leser bei welchen Artikeln verweilten.  

Bei der Gestaltung seiner Zeitungen orientierte sich Axel Springer in den ersten Jahren ausschließlich an den Bedürfnissen seiner Leser und den Anzeigenkunden sowie an der Marktnachfrage. „Auf das Produkt kam es an, das Produkt entschied über Größe und Bedeutung des Hauses. “Axel Springer selbst, nach dem Krieg noch kein politischer Mensch, erkannte bereits frühzeitig die Politikverdrossenheit der Bevölkerung. Diese habe „nach dem Tausendjährigen Reich von der Politik erst einmal die Nase voll“. Axel Springer zog daraus die Erkenntnis, dass das Menschliche in den Zeitungen für den Leser wichtiger sei als die Politik. Im Grunde war er selbst dann noch immer davon überzeugt, als er längst ein politischer Verleger war.  

Springer war überzeugt, eine lokale Tageszeitung müsse permanent im Gespräch sein und auf sich aufmerksam machen. Mit aufwendigen PR-Aktionen wie der Einführung des Zebrastreifens in Deutschland verschaffte der Verleger dem Blatt die notwendige Beachtung und sorgte für die Bindung seiner Leser an das Produkt.  

Bei der Analyse der Produkte Axel Springers lässt sich durchweg wirtschaftliches und tugendhaftes Verhalten erkennen. Er war ein innovativer, mutiger sowie solider und ehrgeiziger Unternehmer. Seine Fähigkeit bestand darin, Geschäftschancen zu erkennen und zu nutzen, wobei er sich konsequent an der Marktnachfrage und den Bedürfnissen seiner Leser orientierte. Der nachhaltige Erfolg seiner Zeitungen zeugt von deren Qualität. Axel Springer zeigte Mut, Weitblick und er war ein Visionär. Er sah seine Aufgabe als Unternehmer nicht allein nur in der schnellen Gewinnmaximierung, sondern übernahm Verantwortung für gesellschaftliche Belange und engagierte sich für sein Land. Dabei investierte er mutig und plante langfristig ohne an den schnellen wirtschaftlichen Profit zu denken. Dazu nahm er sogar mittelfristig Verluste in Kauf, allerdings ohne sein Unternehmen zu gefährden.    

Das Hamburger Abendblatt  

Die Maxime‚ >wohl tun und unterhalten< galt schon für Axel Springers erste Qualitätszeitung, das HAMBURGER ABENDBLATT (HA). Im Antrag für die Lizenz schrieb Springer: „Die Erfahrung lehrt, daß man zur Demokratie nicht nur unmittelbar auf rein politischem Wege gelangt, sondern mittelbar auch dadurch, daß man die Menschen menschlich anspricht und in ihrer privaten Sphäre zu verstehen versucht.“ Das Blatt erschien zum ersten Mal im Herbst 1948. 1949 umschrieb Springer die Grundausrichtung seiner Zeitung wie folgt: „Verständigung suchen“, „Objektive Unterrichtung“, „Kompromisse“, „Orientierung an den Umständen“ und „das Gute im Menschen ansprechen“. Springer fasste diese Grundeinstellung, die im Prinzip auch als seine private Lebenseinstellung galt, in einer kurzen Formel zusammen: „Seid nett zueinander.“  

In späteren Jahren gelangte Axel Springer zu der Erkenntnis, dass er mit seinen antikommunistischen und konservativen Überzeugungen in der sozialliberalen Hansestadt publizistisch keine Chance hatte. Daher versuchte er nie, die redaktionelle Linie des HA, im Gegensatz zu BILD und WELT, in diese Richtung zu lenken.    

Die BILD-Zeitung  

Parteipolitisch neutral und sozial, so lautete die ursprüngliche Grundlinie des Boulevardblattes. BILD war „als das Sprachrohr des kleinen Mannes“ konzipiert. Springer hatte per Umfrage herausgefunden, dass das Interesse der Leser weniger beim Inhalt, sondern vielmehr bei gut bebilderten Geschichten lag. Das Erfolgsrezept war eine Mischung aus „human interest stories“, und zwar menschlichen Schicksalen, Sport, Wetter und Horoskopen. Zum Konzept gehörte eine ausgiebige Bebilderung. Die Artikel wurden in sehr allgemein verständlicher Sprache geschrieben. Die Zeitung entsprach dem Massengeschmack.  

Bei der Konzeption des neuen Blattes waren für Axel Springer zwei Faktoren maßgeblich ausschlaggebend. Ein Konkurrent erschien in Hamburg fast gleichzeitig zum HA mit einer Zehn-Pfennig-Zeitung auf dem Markt. Auch dessen Zielgruppe war das Arbeitermilieu. Der zweite große Rivale war zu dieser Zeit für Axel Springers Zeitungen das Fernsehen. Er beteuerte später immer wieder, die BILD sei die gedruckte Antwort auf das neue Medium.  

Am Anfang spotteten selbst die meisten von Springers Managern über das innovative Zeitungskonzept. Trotzdem entschied er sich für dessen Umsetzung und BILD wurde ein Erfolg. Die Zeitung erschien zum ersten Mal am 24. Juni 1952. Nach anfänglichen Verkaufsschwierigkeiten erlangte sie bis zum September 1953 eine Auflage von 1,3 Millionen verkauften Exemplaren. Bis zum Jahr 1958 hielt Springer an der unpolitischen Ausrichtung des Blattes fest. Ohne dass Axel Springer das angestrebt hatte, begründete BILD seine politische Macht. Er wurde mit dieser Zeitung zum unangefochtenen „König der Massenpresse“.  

Springer war schon von Beginn an aufgrund der BILD-Zeitung Ziel von Kritik. Selbst Bundespräsident Theodor Heuss hatte nach dem Marktauftritt der Boulevardzeitung gesagt, dass Springer ein „Verderber der Presse“ sei. Spätestens seit dem Enthüllungsbuch „Der Aufmacher“ von Günther Wallraff aus dem Jahre 1977 galt BILD als unsozial und eine Gefahr für die Gesellschaft. Axel Springer und sein Verlag werden bis heute mit diesem negativen Image der Zeitung in Verbindung gebracht. Axel Springer selbst distanzierte sich jedoch mehrfach explizit von den Inhalten seiner Zeitung und beschwor seine Chefredakteure mehr als einmal „alles zu unterlassen, was gegen die Würde des Menschen“ verstoße.  

Wer Springer aufgrund der BILD als einen unehrenhaften Geschäftsmann charakterisiert, ignoriert den Grundgedanken dieser Zeitung >Anwalt des kleinen Mannes< zu sein und blendet damit Axel Springers persönliche Haltung zu dem Blatt aus. Vor allem würde man übersehen, dass BILD zu Europas größter Boulevardzeitung wurde und damit eines der erfolgreichsten Zeitungsprodukte des Kontinents ist. (Siehe hierzu auch den Beitrag „Meinungsmacht“.)  

DIE WELT  

Springer, der bis zum Jahr 1953 mit HÖRZU, HA und BILD überwiegend unpolitische Blätter herausgegeben hatte, wurde mit dem Erwerb der WELT nun endgültig zu einem politischen Verleger. Zu diesem Zeitpunkt war dies jedoch noch nicht das Hauptmotiv für den Erwerb. Springers Intention lautete: Die Abwehr einer überregionalen Konkurrenz zum HA aus einem anderen Verlag. Außerdem dachte er an sein Produktportfolio, das bis dato lediglich auf Unterhaltung ausgerichtete Zeitungsprodukte beinhaltete sowie an den Prestigefaktor, den eine solche Zeitung für sein Verlagshaus bedeutete.   Auch bei seinem ersten politischen Blatt orientierte sich Axel Springer an den Bedürfnissen seiner Leser und ließ sich von der „volkstümlichen englischen Presse“ inspirieren.

Konkurrenten / Der freie Markt

„Axel Springer wusste, dass es seinem Unternehmen nur gut gehen konnte, wenn es seiner Konkurrenz auch gut ging. “Gleichzeitig zeigt seine freiwillige Selbstbeschränkung, dass sein wirtschaftliches Ziel nicht die Monopolstellung war und er sich seiner Verantwortung für einen pluralistischen Zeitungsmarkt sehr wohl bewusst war. Seine wirtschaftliche Machtposition basierte allein auf dem Erfolg seiner Produkte:

Axel Springer beherrschte Ende der sechziger Jahre fast die gesamte Presse in Hamburg und Berlin. Mit BILD und WELT hatte er zudem Einfluss auf das Bundesgebiet. Allein durch sein Umsatzvolumen besaß er Macht über Vertrieb und Grossisten. Ihn als Medienmogul zu bezeichnen, dessen Ziel die Eroberung der alleinigen Wirtschafts- und Meinungshoheit über Deutschland war, greift allerdings zu kurz. Schließlich war Axel Springer nicht der Einzige auf der Jagd nach Marktanteilen und Zeitungen. Bis in die sechziger Jahre hinein galt zwischen den Verlegergrößen Axel Springer, John Jahr, Gerd Bucerius und Rudolf Augstein ein Gentleman’s Agreement. Dies besagte, dass jeder der Verleger sich auf seine Kernkompetenzen beschränken solle, wobei der Schwerpunkt bei Springer hauptsächlich auf Zeitungen lag, während Bucerius und Jahr Zeitschriften und Illustrierte produzierten. Eine solche gegenseitige Rücksichtnahme zum Wohle aller lässt sich als ein wesentlicher Charakterzug des Ehrbaren Kaufmannes bezeichnen. Springer ging auch behutsam vor, als er im Jahr 1959 den Ullstein Verlag übernahm. Er war bereit, Konzessionen einzugehen und verkaufte John Jahr seinen restlichen 25-Prozent-Anteil an der Zeitschrift „Constanze“. Zudem verzichtete er auch darauf, das Ullsteiner Traditionsblatt „Berliner Illustrierte“ wiederzubeleben, weil Bucerius angedroht hatte, sonst ebenfalls eine neue Zeitung herauszubringen. Als Reaktion auf den gesellschaftlichen und politischen Druck nach den Osterunruhen des Jahres 1968 und aufgrund der immer lauter werdenden Kritik an seiner Marktmacht  trennte sich Springer von seinen zu dieser Zeit hoch profitablen Münchner Zeitschriften „Jasmin“, „twen“, „Eltern“, „Bravo“ und „Neues Blatt“. Dies sei ein „Akt der Selbstdisziplin“, titelte die BERLINER MORGENPOST nach den Veräußerungen. Ebenso bewahrte Axel Springer durch seine finanzielle Unterstützung das Berliner Konkurrenzblatt „Tagesspiegel“ vor dem Ruin.  

Am eindrucksvollsten zeigte sich Axel Springers Verhältnis zur Konkurrenz in seinem Umgang mit Rudolf Augstein und dessen Magazin „Der Spiegel“. Im Jahre 1966 vereinbarten die beiden zunächst per Handschlag einen zehnjährigen Druckvertrag für den „Spiegel“ in Springers Druckhäusern. Die Bekanntgabe des Vertrages fand am 22. August 1966, drei Wochen nach der Veröffentlichung von Rudolf Augsteins Kolumne „Lex Springer“ statt. Diese Geschäftsverbindung sicherte Springer die Auslastung seiner Druckmaschinen und ein Umsatzvolumen von 250 Millionen D-Mark allein im ersten Jahr. Zugleich ergab sich die Situation, dass die Artikel des größten politischen und wirtschaftlichen Feindes Axel Springers auf seinen Druckmaschinen produziert wurden. Auf einer Betriebsversammlung in Hamburg beschrieb Axel Springer seine Haltung zu diesem Vorgang wie folgt: „Ich ziehe keine Konsequenzen daraus, ich würde sagen, drucken wir es, das bleibt immer noch bestehen, dass wir soviel Manns sind, andere Meinungen, auch wenn sie böse sind, zu drucken, um zu zeigen, daß wir eine ganze Menge hinnehmen können.“ Während seine politischen Gegner die Anti-Springer-Kampagne führten und erfolgreich versuchten, Springer als monopolistische Übermacht darzustellen, bewahrte diese Haltung und zeigte Vertragstreue. Axel Springer hätte per Knopfdruck die Produktion und die Auslieferung des ihm feindlich gesinnten “Spiegel“ stoppen können. Sein Konkurrent wäre binnen kürzester Zeit wirtschaftlich handlungsunfähig geworden. Doch dies entsprach weder seinen eigenen Prinzipien von Korrektheit und Ehrverständnis, noch seinem Selbstverständnis als Geschäftsmann.

Meinungsmacht

Auch die von den Protagonisten der 68er-Bewegung immer wieder ins Feld geführte Meinungsmacht Springers ist zu relativieren. Obwohl BILD sich im Jahr 1961 gegen die Politik Adenauers zu positionieren begann, gewann dieser trotzdem die Bundestagswahlen. Genauso wie acht Jahre später Willy Brandt Bundeskanzler werden konnte, obwohl in den Blättern des Springer Verlags deutlich gegen dessen Ostpolitik Stellung bezogen wurde. Es ist bezeichnend, dass gerade der kritischste Springer-Biograf Michael Jürgs dazu schreibt: „Eigentlich hatte er keinen politischen Einfluss in Deutschland, er hatte zwar Macht, [...] aber, daß die Mehrheit seiner ‚Bild-Leser’ eben doch Willy Brandt wählte, daran konnte er nichts ändern.“ Ein aktuelles Beispiel für diese zwar theoretisch, aber nicht praktisch vorhandene Meinungsmacht der >Springer-Presse<, ist die Entscheidung der Bundesregierung zur Einführung der gesetzlichen Mindestlöhne im Jahr 2008. Diese konnte trotz großer BILD Berichterstattung nicht verhindert werden.

Verantwortung für die Gesellschaft

Fressen oder Moral: Was kommt für Springer zuerst?
Fressen oder Moral: Was kommt für Springer zuerst?

1967 manifestierte Axel Springer seine moralischen Grundwerte in vier Essentials, die in leicht aktualisierter Form bis heute für die Axel Springer AG Gültigkeit besitzen:

1. das unbedingte Eintreten für die friedliche Wiederherstellung der Deutschen Einheit und Freiheit

2. die Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen, dazu gehört auch die Unterstützung des Lebensrechts des jüdischen Volkes

3. die Ablehnung jeder Art von politischem Extremismus

4. die Bejahung der freien sozialen Marktwirtschaft.

Weiteres über die 4 Prinzipien...

Um diese vier Essentials im Verlagsalltag zu implementieren, verpflichtete der Verleger jeden Journalisten vertraglich, sich an diese Werte-Charta zu binden. Springer schrieb, er betreibe seinen „Beruf nicht, um primär Geld zu verdienen, sondern um das, was in den vier Essentials steht, zu verbreiten. “Als er in späteren Jahren plante, seinen Verlag zu verkaufen, hatte er zwar feste Vorstellungen über den zu erzielenden Preis und Wert seines Unternehmens, er suchte aber primär nach Geschäftspartnern, die sich ebenfalls seinen Essentials verpflichtet fühlten. Solange Axel Springer sein geistiges Erbe nicht gesichert sah, entschied er sich gegen einen Verkauf oder eine Teilveräußerung seines Hauses. Für ihn stand der Erhalt seines Unternehmens und Fortbestand der damit verbundenen Werte-Charta an oberster Stelle. 

In den vier Essentials spiegelt sich Axel Springers gesamtes Selbstverständnis als gesellschaftlich verantwortlicher Unternehmer und Verleger wider. Das Eintreten für die Einheit und Freiheit Deutschlands sowie die Ablehnung jeder Art von politischem Extremismus sichern seiner Meinung zufolge sowohl die Demokratie als auch den sozialen Frieden. Die demokratische Ordnung wiederum schützt die Meinungsfreiheit und ist eine Grundvoraussetzung für unabhängigen Journalismus. In der Aussöhnung mit den Juden und der Unterstützung Israels zeigt sich Springers moralisches Verantwortungsbewusstsein, das über den wirtschaftlich und rechtlich notwendigen Rahmen hinausgeht. In der Bejahung der freien Sozialen Marktwirtschaft bekundet er sein Verantwortungsbewusstsein für den Markt und sein Verständnis für das unlösbare Abhängigkeitsverhältnis von Wirtschaft und Gesellschaft. 

Im Verhalten Axel Springers zeigt sich deutlich seine Grundhaltung als Ehrbarer Kaufmann, dem ideelle wie auch inhaltliche Werte zum Wohle seiner Mitarbeiter, seiner Kunden und der Gesellschaft sowie der langfristige Erhalt seines Unternehmens wichtiger sind als kurzfristige materielle Gewinne.

Soziales Engagement

Zahlreiche Personen, die Axel Springer gekannt hatten, wussten um seine Hypersensibilität für fremdes Leid. „Die Reichen, Starken und Gesunden müssen den Armen, Schwachen und Kranken helfen.“ So lautete sein Glaubensbekenntnis. Ein erheblicher Teil der Summen, die Axel Springer durch seine Geschäfte zur Verfügung standen, flossen an Stiftungen, kulturelle Einrichtungen oder an politisch motivierte Projekte. Ohne dass darüber berichtet wurde, half er mit hohen finanziellen Beträgen beim Freikauf von politisch verurteilten DDR-Bürgern.  

Genauso wie ihn seine Jugenderfahrungen mit Zensur und Diktatur während des Nationalsozialismus dazu motivierten, auf Lebzeiten ein Kämpfer für das freie Wort und die Demokratie zu werden, kam er zu der Überzeugung, „dass die Juden und der Staat Israel für einen Deutschen in seinem Kopf, seinem Herzen und seinem Gewissen von Stund an eine außergewöhnliche Stellung haben müssen“. Er wurde zu einem der größten Mäzene des Landes und finanzierte mit 3,6 Millionen D-Mark den Bau der Bibliothek des Israel-Museums in Jerusalem. Selbst unter jungen Israelis genoss er den Ruf eines Gerechten.  

Besonders in seinem sozialen Engagement für Israel zeigte sich Axel Springers  ausgeprägte moralische Verpflichtung, die bei ihm nicht zuletzt aus einer tiefen Religiosität und Gläubigkeit herrührte. Seine Verbindung zu Israel hielt sein Leben lang an und hatte für ihn die gleiche Bedeutung wie seine Verpflichtung gegenüber Berlin. Axel Springer „war ein echter politischer Philanthrop“.

Gemeinde / Berlin

Axel Springer baute 1959 eine neue Verlagszentrale in West-Berlin. Dabei handelte es sich damals keinesfalls um eine sichere Zukunftsinvestition. Das Baugrundstück lag direkt an der Sektorengrenze auf einem politisch höchst gefährdeten Terrain. Die Grundsteinlegung des Verlagshauses fand genau zwei Tage vor dem Ablauf des Chruschtschow-Ultimatums statt, das Berlin vom Rest der Bundesrepublik trennen sollte. Die politische Lage war angespannt und unsicher. Fast die gesamte Hamburger Führungsebene des Verlags hatte größte wirtschaftliche Bedenken gegen diese Investition. Alle rationalen Argumente sprachen zu dieser Zeit gegen einen Bau, trotzdem entschied sich Springer dafür. Zu den Gründen für seine Entscheidung sagte Springer, er glaube an Deutschland mit einer Hauptstadt Berlin. Aber darüber hinaus glaube er nicht nur daran, sondern er wolle es auch. Im Grundstein wurde ein Urkunde mit der Inschrift eingelassen, dass der Bau an der Sektorengrenze ein Beweis „unseres unerschütterlichen Glaubens an die geschichtliche Einheit dieser Stadt und an die geschichtliche Einheit Deutschlands“ sei. Springer besiegelte den Akt mit drei Hammerschlägen und den Worten „Einigkeit und Recht und Freiheit!“ Willy Brandt bezeichnete Springer als „Beispiel deutscher Investitionen in Berlin“. Doch für den Verleger bedeutete die Entscheidung eindeutig mehr. Direkt an der Grenze zum sowjetischen Imperium sah er seine Aufgabe in der Sicherung des freien Wortes und in der Verteidigung der Freiheit.

Politisches System

Axel Springer richtete ab dem Jahr 1958 sein Handeln auf das für ihn als politisch relevante Ziel der Wiedervereinigung. Diese bedeutete für Springer „Freiheit hüben und drüben“. Fortan galt neben der reinen Gewinnmaximierung in seinem Unternehmen auch das Primat der Politik. Die Unterdrückung der Bürger, die wirtschaftlichen Missstände und die Missachtung der Menschenrechte in der DDR wurden zu dem zentralen Thema in all seinen Blättern. Den Namen des ostdeutschen Staates ließ Springer nur noch in Anführungsstrichen („DDR“) schreiben, um so zum Ausdruck zu bringen, dass dieser Satellitenstaat Moskaus weder deutsch, demokratisch noch ein Republik sei. Seine einzige Qualitätszeitung DIE WELT wurde als konservatives Kampfblatt positioniert und wurde in Folge dessen wirtschaftlich defizitär. Die zuvor auf reine Unterhaltung ausgerichtete BILD diente als Plattform antikommunistischer Parolen. Springer war nun selbst bereit, Auflagenschwund und Verluste in Kauf zu nehmen, nur um seine politischen Botschaften zu verbreiten. Verleger zu sein hieß für ihn „eine öffentliche Aufgabe zu erfüllen, nicht Gewinn zu maximieren. “Schließlich sei er „kein Händler mit bedrucktem Papier“, sondern ein „politischer Mensch“. „Kritische Beobachter waren sich nicht einig darüber, ob er in erster Linie ein gerissener Geschäftsmann war, der sich den Luxus der Politik leistete, oder ein Verleger, der sich in die Politik verrannt hatte und das nur noch mühsam mit den Geschäftsinteressen in Einklang zu bringen vermochte. Im Konfliktfall setzte sich aber doch häufig der Medienpolitiker gegen den Geschäftsmann durch. “Die Aufgabe eines verantwortlichen Zeitungshauses sah Springer darin, zur Weltgeschichte Stellung zu beziehen. Deshalb bekundete er immer wieder, dass das Hauptmotiv für sein Engagement zur Wiedervereinigung die „Nächstenliebe“ sei. Dabei sagte Springer, dass er bei Nächstenliebe „auch das Leben der Mitteldeutschen“ meinte. 

Sprach man ihn auf die wirtschaftlichen Folgen seines politischen Engagements an, gab er zur Antwort: “Wie kann man nur in solchen Schicksalsfragen der Nation an die Auflage denken?“. Gleichzeitig musste sich Springer mit dem Widerspruch zwischen Politisierung und kommerziellem Erfolg auseinandersetzen. Er machte Chefredakteure für sinkende Auflagen auch dann verantwortlich, wenn der unpopuläre politische Kurs durch seine Vorgaben eingeschlagen wurde und nutzte die daraus resultierenden schlechten wirtschaftlichen Ergebnisse zur Rechtfertigung von Personalentscheidungen. Aber die Devise >Kampf für die Freiheit< und damit die Auseinandersetzung mit dem Kommunismus und dessen Sympathisanten in Westdeutschland galt Springer bis zu seinem Tod.

Für Axel Springer galt die Wiedervereinigung nicht nur als eine moralische Pflicht, er sah darin auch wirtschaftliche Chancen. Das beweist ein Brief seines politischen Vordenkers Hans Zehrer. Darin skizziert dieser die für Springer möglichen kommerziellen Vorteile eines Engagements in Berlin. Die eines Tages wiedervereinigte Stadt würde wirtschaftliche Verbindungen nach West und Südost haben und nur dort könne Springer aus der Rolle des Hamburger Regionalverlegers herauskommen. Entsprechend müsse neben der Sicherung des Hamburger Marktes auch der „Angriff auf die Bundesebene (Einheit) vorbereitet“ werden. In einem wiedervereinten Deutschland sah Springer das Potential eines neuen großen Absatzmarktes für seine Massenblätter und anlässlich der Eröffnung seines Druckhauses in Ahrensburg im Jahr 1967 sprach er von den kurzen Transportwegen in die ehemalige Hauptstadt und nach Ostdeutschland.

Ergänzende Informationen

Das Unternehmen heute - Die Axel Springer AG

Heutiger Vorstandsvorsitzender: Mathias Döpfner
Heutiger Vorstandsvorsitzender: Mathias Döpfner

Mit etwa 10.000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von circa 2,5 Milliarden Euro ist die Axel Springer AG Deutschlands größter Zeitungsverlag. 50,0003 Prozent der Anteile sind direkt oder indirekt in Hand von Friede Springer, die damit die Mehrheit der stimmberechtigten Aktien hält.  

Mehr über die Axel Springer AG bei Wikipedia

Firmenwebseite:
www.axelspringer.de

Weitere Verantwortungsträger des Unternehmens

seit 2002:
Mathias Döpfner - Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG

Weiterführende Literatur

Engländer, Leeor A.(2009): Der Ehrbare Kaufmann Axel Springer, Berlin, Diplomarbeit, Institut für Management, Humboldt-Universität zu Berlin, Prüfer: Joachim Schwalbach, abrufbar unter: http://www.der-ehrbare-kaufmann.de/files/pdfs/englaender-ekas.pdf.

Springer bei Wikipedia

Mehr zu Axel Cäsar Springer unter: http://de.wikipedia.org/wiki/Axel_Springer

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