Josef Juliusburger (1871-1942)

Josef Juliusburger (1871-1942)

Fotografie von Josef Juliusburger

 

Ein Kaufmann, der an Verbrechern zerbrach

Josef Juliusburger (1871-1942) war ein erfolgreicher jüdischer Kaufmann, der angesichts der drohenden Deportation, deren Umstände er als zutiefst entehrend empfand, den Freitod wählte.
 
Im Jahr 1903 ließ der am 17. September 1871 in Ortowitz in Oberschlesien geborene Josef Juliusburger eine Polstermaterialien- und Möbelstoffhandlung unter seinem Namen in das Berliner Handelsregister eingetragen. Schon 1905 nahm Juliusburger Elias Lachmann als Kompagnon auf, veränderte aber seine eingeführte Firma nicht.

Das Unternehmen lag an einer wichtigen Schnittstelle und verband zwei bedeutsame Schwerpunkte jüdischer Gewerbetätigkeit in Berlin; Textil- und Möbelherstellung und -handel. Ganz offenbar war es nicht nur gut platziert, sondern auch gut geführt und florierte. Das Unternehmen residierte zunächst in der Poststraße 13 im Parterre, erweiterte seine Geschäftsräume aber schon bald und zog kurz vor dem Ersten Weltkrieg in die Neue Friedrichstraße 4. Diese Straße führte von der Neuen Friedrichsbrücke am Berliner Dom in einem Bogen parallel zur S-Bahn über die jetzige Littenstraße zur Spree und war seinerzeit eine wichtige Verkehrsader des alten Berliner Geschäftszentrums.

Die Polstermaterialienhandlung überstand den Ersten Weltkrieg, Inflation, Weltwirtschaftskrise und den Boykott durch die Nationalsozialisten ab 1933. Auch der Tod des langjährigen Kompagnon Anfang 1935 hielt den inzwischen 64-jährigen Juliusburger nicht davon ab, sein Unternehmen weiterzuführen.[1] Im Oktober 1938 jedoch musste der jüdische Kaufmann seine Polstermaterialenhandlung beim Registergericht zur Löschung anmelden, die am 19. Oktober 1938 in das Handelsregister eingetragen wurde.[2] Damit fand nicht nur eine fünfunddreißigjährige Firmengeschichte ihr Ende, sondern wurde auch Juliusburgers Lebenswerk zerstört.

Wohl auf Grund seines Alters dachte Juliusburger, dessen Frau bereits 1932 verstorben war, nicht - oder nur zu spät - an seine Emigration. Am 21. Januar 1942, einen Tag nach der Wannsee-Konferenz, erhielt Juliusburger von der Gestapo den Deportationsbefehl, der eine von ihm auszufüllende Vermögenserklärung enthielt, in die er all’ sein Vermögen – bis zur letzten Kohle im Keller aufführen sollte. Den Brief in der Hand, beschloss Juliusburger, „den einzig möglichen Weg des Freitods“.[3]

Seinen Abschiedsbrief an einen ehemaligen Kollegen verfasste er auf seinem Geschäftpapier. Auch nach der Löschung seines Unternehmens fühlte sich Juliusburger also immer noch als ehrbarer Kaufmann! In dem Brief begründete er seinen Schritt damit, dass es gegen sein Ehrgefühl gehe, „zu unterschreiben, dass ich staatsfeindliche Gesinnung gezeigt habe und demnach ausgebürgert werde, was demnach auch die Folge hat, dass mein restliches in 36 jähriger ehrlicher Arbeit erworbenes Vermögen beschlagnahmt wird“.[4] Else, seine einzige Tochter, wurde Ende Januar 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Juliusburger fühlte sich durch die Verfolgung nicht zuletzt in seiner Ehre als Kaufmann getroffen. Die Verfolger unterstellten ihm, ja nicht nur staatsfeindlich gesonnen zu sein. Vielmehr standen alle Juden unter der Generalanklage, ihr Vermögen unredlich, nämlich auf Kosten der nicht-jüdischen Bevölkerung erworben zu haben. Dies konnte und wollte Juliusburger nicht hinnehmen. So hat auch das Ideal des ehrbaren Kaufmanns durch die Vernichtung der jüdischen Gewerbetätigkeit fast irreparablen Schaden genommen. Denn die nicht-betroffenen Kaufleute nahmen es wenigstens hin (wenn sie nicht gar Nutznießer waren), dass ihre Kollegen nur auf Grund rassistischer Kategorien und nicht auf Grund kaufmännischen Fehlverhaltens vom Markt ausgeschlossen wurden.

Anmerkungen

[1] Zentralhandelsregisterbeilage zum Reichsanzeiger 43/1935 vom 20.2.1935, S.1.

[2] Zentralhandelsregisterbeilage zum Reichsanzeiger 251/1938 vom 27.10.1938, S. 1.

[3] Brief Julius Josefberger an Familie Köhler, 20.1.1942, zitiert nach: Anna Fischer: Erzwungener Freitod. Spuren und Zeugnisse in den Freitod getriebener Juden der Jahre 1938.1945 in Berlin, Berlin 2007, S. 57. Das Datum des Deportationsbefehls legt es nahe, dass Juliusburger nach Riga deportiert werden sollte. Von den 1044 am 25.1.1942 dorthin verschleppten Berliner Juden überlebten 13 den Holocaust. Vgl. Gottwaldt/Schuller, S. 134.

[4] Ebd.

Quellen und weiterführende Literatur

Über den Autor Dr. Christoph Kreutzmüller

  • Geboren 1968
  • Nach Lehre zum Bankkaufmann und Studium Promotion zu „Geschichte deutscher Großbanken in Amsterdam 1919-1945“ an der Humboldt-Universität zu Berlin
  • Seit 2005 Koordinator des Projekts „Ausgrenzungsprozesse und Überlebensstrategien. Mittlere und kleine jüdische Gewerbe-Unternehmen in Berlin 1930/31 bis 1945“ am Institut für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin. Das Projekt hat als Zwischenergebnis unter anderem die in Ausstellung „Verraten und Verkauft“ präsentiert. Der Abschlussband wird Anfang nächsten Jahres erscheinen.
  • Kontakt: kreutzmuellerc(at)geschichte.hu-berlin.de

Wir danken Dr. Kreutzmüller ausdrücklich dafür, dass er diese Geschichte exklusiv für das Informationsportal geschrieben hat.

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