Europäische Wirtschaftskultur

Anfänge einer europäischen Wirtschaftskultur


Mittelalterliche Glasmalereien Fotos: jlburgesss

Das erste bekannte Zeugnis für die ehrbare europäische Wirtschaftskultur findet sich im Werk "Pratica della Mercatura" von Pegolotti, das im Europa des 12. Jahrhunderts weit verbreitet war. Es enthielt praktische kaufmännische Hinweise für die damalige Zeit. Mit Venedig als Zentrum spannte sich damals ein großes Handelsnetz über Europa.

Ein Vers am Anfang des Lehrbuchs für Händler und Kaufleute illustriert das Selbstverständnis der kaufmännischen Ehrbarkeit:

Quello che dee avere in sè il vero e diritto mercatante

Dirittura sempre usando gli conviene,

Lunga provedenza gli sta bene,

E ciò che promette non venga mancante;

E sia se può di bella e onesta contenenza

Secondo che mestieri o ragione intenda.

E scarso comperare e largo venda,

Fuori di rampogna con bella raccoglienza,

La chiesa usare e per Dio donare

Crescie in pregio, e vendere a uno motto.

Usura e giuoco di zara vietare,

E torre via al tutto,

Scrivere bene la ragione e non errare.

Amen

aus: Pegolotti, Francesco Balducci (1936): La practica della mercatura / Ed. by Allan Evans, Cambridge, Mass.: Acad., 1936, L IV, S. 443.
(PDF-Download der Seite 443)

Die freie deutsche Übersetzung lautet folgendermaßen:

Der Kaufmann, der Ansehen genießen will,

muß immer gerecht handeln,

große Weitsichtigkeit besitzen

und immer seine Versprechen einhalten.

Wenn möglich, soll er liebenswürdig aussehen,

wie es dem ehrenwerten Beruf, den er gewählt hat, entspricht

aufrichtig beim Verkauf, aufmerksam beim Kauf sein,

er soll sich herzlich bedanken und von Klagen Abstand halten.

Sein Ansehen wird noch größer sein, wenn er die Kirche besucht,

aus Liebe zu Gott spendet, ohne zu feilschen

seine Geschäfte abschließt und sich strikt weigert,

Wucher zu betreiben. Schließlich soll er vernünftig

seine Konten führen und keine Fehler begehen.

Amen

aus: Le Goff, Jacques (1993): Kaufleute und Bankiers im Mittelalter, Frankfurt am Main, Campus Verlag, S. 85.

Und die englische Übersetzung:

What Every True And Honest Merchant Must Have Within Himself

Integrity always suits him,

Long foresight keeps him well,

And what he promises doesn’t come lacking;

And he should be, if able, of beautiful and honest behaviour

According to what need or reason he intends.

And to buy cheap he sells dear,

Beyond rebuke with a beautiful welcome,

He awails himself of the church and gives for God ,

He grows in a merit, and sells with a word .

Usury and the game of dice are forbidden

And take away everything.

He writes his calculations well and does not make errors.

Amen

aus: Dotson, John (2002): Fourteenth Century Merchant Manuals and Merchant Culture, in: Denzel, A. Markus,  Hocquet, Claude Jean, Witthöft, Harald [Hrsg.]: Kaufmannsbücher und Handelspraktiken vom Spätmittelalter bis zum  beginnenden 20. Jahrhundert, Stuttgart, Franz Steiner Verlag, S.  86-87.

 

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