VBKI
Grundsätze des Ehrbaren Kaufmanns

VBKI formuliert Leitsätze einer Wirtschaftsethik
Die Marktwirtschaft ist ein Wesenselement jeder freiheitlichen Gesellschaft. Freiheit ist nicht nur das Recht auf freie Meinungsäußerung und politische Partizipation, auf Rechtsschutz und Rechtsgleichheit. Eines ihrer Wesenselemente ist auch, als Produzent oder Konsument von Gütern und Dienstleistungen auf Märkten zu agieren und wirtschaftliche Entscheidungen zum eigenen Vorteil und in eigener Verantwortung treffen zu dürfen. Dieses Markthandeln ermöglicht es der Mehrheit der Menschen, sich ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen und durch Steuern und Sozialabgaben das Gemeinwesen und seine Sozialsysteme zu finanzieren. Die Menschen sind als Marktakteure unterschiedlich erfolgreich. Das ist keine Frage der Gerechtigkeit. Gerechtigkeit ist keine Marktkategorie. Die Gesellschaft muss korrigierend eingreifen, wenn sie das Gefühl hat, dass der Marktprozess Ergebnisse zeitigt, die ihr nicht zuträglich sind. Aber Gerechtigkeit kommt – anders als das Recht – nach dem Markt, nicht im Markt. Wenn eine Gesellschaft versucht, steuernd in die Güter- und Dienstleistungsmärkte einzugreifen, damit diese ein aus ihrer Sicht gerechtes Ergebnis produzieren, zerstört sie den Markt und damit ein wesentliches Stück individueller Freiheit.
Die Marktwirtschaft ist die Wirtschaftsordnung, die nach aller menschlicher Erfahrung die besten Ergebnisse zeitigt. Lässt man ihr Raum, entstehen die Güter und Dienstleistungen, die die Menschen wünschen. Sie sorgen für Wachstum und Wohlstand. Je mehr von beidem entsteht, umso leichter kann die Gesellschaft auf Teile des produzierten Mehrwertes zugreifen, um nicht oder nur bedingt marktfähige Güter wie Bildung und Sicherheit bereitzustellen.
Eine Wirtschaftsordnung, die zukunftsfähig bleiben will, braucht gesellschaftliche Akzeptanz.
Die Menschen müssen glauben, dass diese Ordnung ein Mindestmaß an Gerechtigkeit und Teilhabe ermöglicht. Diese gesellschaftliche Akzeptanz hat die Marktwirtschaft bundesrepublikanischer Prägung lange gehabt. Sie aufrechtzuerhalten ist schwieriger geworden. Zeiten stagnierenden, möglicherweise sogar zurückgehenden Wohlstands belasten den Zusammenhalt jeder Gesellschaft. Die Möglichkeiten zur Umverteilung zugunsten der Schwächeren schrumpfen, und die sichtbaren Unterschiede zwischen Erfolg und Misserfolg werden offenkundiger. Eine intensive Diskussion über Verteilungsgerechtigkeit ist die zwangsläufige Folge.
Für die Wirtschaft heißt dies, stärker als in der Vergangenheit zu reflektieren, welche Verhaltens- oder Vorgehensweisen für diese Gesellschaft akzeptabel und langfristig politisch tragfähig sind. Wie weit darf ein legitimes und notwendiges Gewinnstreben gehen? Welche Verhaltensweisen sollten moralisch, wenn schon nicht rechtlich sanktioniert werden? Wie hoch darf beispielsweise die Vergütung für das Management sein? Müssen Arbeitnehmer entlassen werden, weil der Aktienkurs als zu niedrig empfunden wird? Passen Entlassungen auf der einen und höhere Vergütungen auf der anderen Seite zusammen? Ist alles, was internationale Kapitalanlagegesellschaften an Rentabilität vom übernommenen Unternehmen einfordern, legitim?
Es gibt verständliche Unsicherheit über die Maßstäbe, die anzulegen sind. Die Wertvorstellungen von dem, was falsch und dem was richtig ist, sind immer noch vorhanden. Sonst würden Gier, Unverantwortlichkeit oder Rücksichtslosigkeit ja gar nicht mehr als solche wahrgenommen. Aber es fehlt ein Sanktionsmechanismus, mit dem eine Gesellschaft Fehlverhalten jenseits der Strafbarkeit ahnden kann. Es entsteht der Eindruck, die Mächtigen, auch und gerade die in der Wirtschaft, könnten sich offensichtliches Fehlverhalten ohne Nachteile für sich selbst leisten. Deswegen brauchen wir eine Diskussion darüber, wie unsere Wertvorstellungen neue Verbindlichkeit gewinnen können und wie unsere Wirtschaftsordnung konsensual in den gesamtgesellschaftlichen Kontext eingebunden werden kann.
Für den VBKI sind dies zentrale Fragen. In seiner 130jährigen Geschichte war er nicht primär Lobbyist, sondern Brückenbauer zwischen der Wirtschaft und anderen Bereiche der Gesellschaft. Die Wirksamkeit seiner Rolle in dieser Stadt hängt auch daran, wie viel Legitimität der Wirtschaft, die er repräsentiert, noch zugebilligt wird. Vor diesem Hintergrund hat VBKI-Geschäftsführer Udo Marin unter Mitwirkung des neu gegründeten Arbeitskreises Ethik und Wirtschaft die folgenden Leitsätze einer Wirtschaftsethik formuliert.
Grundsätze des Ehrbaren Kaufmanns
- Unternehmen können mittel- und langfristig nur überleben, wenn sie mehr sind – und auch sein wollen – als reine Produktionsstätten von Gütern und Dienstleistungen mit dem erklärten Ziel, den eigenen Profit zu maximieren. Sie sind immer Teil der Gesellschaften, in denen sie wirken. Ein Unternehmen, das in den Augen der Gesellschaft insgesamt ökonomisch, ökologisch und sozial mehr schadet als nutzt, gefährdet seine Existenzberechtigung. Deshalb haben Unternehmen ein vitales Interesse und auch die Verantwortung sich an der Formulierung eines neuen gesellschaftlichen Wertekonsenses zu beteiligen.
- Engagement für die Gesellschaft bringt den Unternehmen mehr Nutzen als Kosten. Freiwillige Selbstbindung, solidarische Netzwerke, bürgerschaftliche Verankerung bilden den Nährboden für erfolgreiche Unternehmen. Es geht um Vorteile durch Verantwortung, Reputation durch Respekt, Erfolg durch Engagement. Viele, gerade auch mittelständische, Unternehmen, verhalten sich entsprechend. Sie agieren als Teil des Gemeinwesens und wissen, dass sich dies auch ökonomisch lohnt. Der guten Beispiele sind viele. Sie sind zu wenig bekannt. Nur deshalb konnte der verbreitere Eindruck entstehen, Unternehmer und Manager sei ihr Umfeld gleichgültig oder schlimmer sie verfolgten ihre Ziele zum Nachteil der Allgemeinheit.
- Unternehmensinteresse und Gesellschaftsinteresse sind nicht per se identisch, aber ebenso wenig schließen sie sich gegenseitig aus. Eine erfolgreiche Gesellschaft braucht erfolgreiche Unternehmen. Deren Daseinszweck ist das Erzielen von Gewinn. Erst wenn dies in hohem und wachsendem Unfang gelingt, wird die Schaffung und der Erhalt von Arbeits- und Ausbildungsplätzen möglich. Wer diese selbstverständliche Reihenfolge umkehrt, überfordert die Wirtschaft und gefährdet die Unternehmen. Trotzdem tut die Wirtschaft gut daran, immer der Tatsache gegenwärtig zu sein, dass sie langfristig nur mit, nicht gegen die Gesellschaft Erfolg haben kann. Es bedarf der selbstkritischen Reflexion von beiden Seiten: Was kann die Gesellschaft billigerweise von Unternehmen fordern? Und welchen Standards hat das Unternehmen zu genügen, um den Wertevorstellungen der Menschen zu entsprechen.
- Selbstbewusste und zufriedene, verantwortungsbewusste und engagierte Mitarbeiter sind das wichtigste Kapital jedes Unternehmen. Welches Produkt kann gelingen, welche Dienstleistung ihren Kunden zufrieden stellen, wenn sie von Mitarbeitern erbracht wird, die mit ihrer Aufgabe unzufrieden sind, die sich nicht geachtet fühlen und Schwierigkeiten haben, sich mit ihrem Unternehmen zu identifizieren? Im Umgang mit ihren Mitarbeitern zeigt sich die wirkliche Unternehmenskultur. Zu einer solchen gehören Fairness und Respekt im Umgang, Entscheidungstransparenz, Offenheit für konstruktive Kritik, die Bereitschaft zur Delegation und der Wille zur Verantwortung und nicht zuletzt Führung durch gutes Beispiel.
- Jugend ist Zukunft. Deshalb braucht Jugend Chancen. Praktika sind eine solche Chance. Die jungen Leute erwerben Praxiswissen und erhalten eine Bewährungschance, die Unternehmen nutzen für die begrenzte Dauer des Praktikums die Kenntnisse und die Arbeitskraft des Praktikanten. Der Interessensausgleich zwischen Unternehmen und Praktikant gerät aus dem Lot, wenn die Bewährungschance de facto nicht mehr besteht, weil Unternehmen dazu übergehen, Praktikanten als niedrigst oder gar nicht bezahlte Arbeitskräfte zu missbrauchen. Den – neuerdings vorliegenden – empirischen Befund, dass es den behaupteten massenhaften Praktikantenmissbrauch wenigstens in der Wirtschaft nicht gibt, nimmt der VBKI mit Befriedigung zur Kenntnis.
- Es gibt keine positive Korrelation zwischen hohen Vergütungen und herausragenden Managementleistungen. Das Management in den USA ist – trotz höherer Vergütung – nicht besser als unseres. Bei etwas mehr Bescheidenheit würde sich das Managementniveau in Deutschland nicht verschlechtern und umgekehrt bei noch schneller steigenden Vergütungen nicht verbessern. Das Vergütungssystem insgesamt, auch die vertikale Entlohnungsstruktur sollte nachvollziehbar und, transparent sein und der Tatsache eingedenk bleiben, daß fast jeder Erfolg Ergebnis einer kollektiven, nicht nur individuellen Anstrengung ist.
- Gier ist ein schlechter Ratgeber, und Manager Anfechtungen ebenso ausgesetzt wie jeder Andere. Vergütungssysteme, die einseitig auf die – am Börsenkurs ablesbare – Erhöhung des Unternehmenswert fokussieren, sind eine zu oft genutzte Einladung zur Manipulation. Auch für Abfindungen oder Sonderzahlungen in mehrstelliger Millionenhöhe gibt es weder wirtschaftlich, noch moralisch wirklich überzeugende Begründungen.
Jede Gesellschaft strebt nach Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität. Auch die Wirtschaft ist Teil dieses Strebens. Unser Land braucht keine neue Wirtschaftsethik, die in Einklang mit den gesellschaftlichen Grundbedürfnissen steht. Diese gibt es längst. Dies wieder stärker ins gesellschaftliche Bewusstsein zu heben, ist das Ziel des VBKI.
Im VBKI-Arbeitskreis Ethik und Wirtschaft engagieren sich u. a. der ehemalige Chef des Bundespräsidialamtes und jetzige Vorsitzende der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft, Dr. Michael Jansen, der Gründer des Berlin Center of Corporate Governance (BCCG) am Lehrstuhl Organisation und Unternehmensführung der TU Berlin, Prof. Dr. Axel von Werder, Mitglied der Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex, Egon Zehnder Deutschland-Chef Bernd Wieczorek und Jörg Schauerhammer, Mitglied der Geschäftsleitung der Commerzbank AG.
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