Dr. Heinz Dürr
Ein Unternehmen ist eine "gesellschaftliche Veranstaltung"
Heinz Dürr setzt sich seit Jahren für das Leitbild des Ehrbaren Kaufmanns ein
Als Unternehmer und Manager steht er wie kaum ein Anderer für erfolgreiche wirtschaftliche Führung. Hein Dürr stand an der Spitze
- seines Familienunternehmens, der heutigen Dürr AG und machte es zu einem Weltmarktführer
- er sanierte die AEG von 1980 bis 1990
- er wandelte von 1991 bis 1997 die Bundesbahn und die Deutsche Reichsbahn zur Deutschen Bahn AG
Die gesellschaftliche Verantwortung war ihm immer ein Anliegen. In Vorträgen fordert er immer wieder die Rückbesinnung zum Leitbild des Ehrbaren Kaufmanns. Um diesem Leitbild auch wissenschaftlich zu mehr Bedeutung zu verhelfen fördert die Heinz und Heide Dürr Stiftung das Promotionsvorhaben von Daniel Klink finanziell und ideel.
Lesen Sie hier die Ansichten, die Heinz Dürr über die Moral in der Wirtschaft vertritt:
Unternehmensführung und Moral
Über Moral bei der Unternehmensführung wird vor allem in Krisenzeiten und Krisensituationen gesprochen. Dann wenn über die betriebswirtschaftlichen Fragen hinaus Forderungen allgemeiner gesellschaftlicher Art an die Unternehmensführung gestellt werden. Dabei ist das, was unter Moral verstanden wird, eher vage.
Wie das in der Praxis aussieht, zeigte sich mir in einer Veranstaltung der „FAZ“, bei der es um den Vergleich amerikanischer und deutscher Unternehmenskultur ging. Da fiel der Satz „Einzige Aufgabe des Unternehmers ist die Gewinnmaximierung“. Ich bemerkte als Podiumsteilnehmer eher beiläufig, dass ich der Auffassung sei, der ausschließliche Zweck eines Unternehmens sei nicht der Gewinn, ein Unternehmen hätte auch andere Aufgaben. Da erfuhr ich massiven Widerspruch. Gewinnmaximierung sei nun mal die einzige Aufgabe des Unternehmens, wurde mir gesagt, vor allem von einem Professor aus Princeton. Und einer der Professoren auf dem Podium meinte, wenn ich das so nicht sehen würde, sei dies idealistisch, ja fast moralisch und Moral dürfe sich ein Unternehmer nun mal nicht leisten, wolle er denn erfolgreich sein.
Der Professor auf dem Podium war Leiter des Wissenschaftszentrums Berlin, und wir vereinbarten, dass ich in seinem Institut einen Vortrag halten sollte, in dem ich meine Auffassung von einem Unternehmen begründen könnte. Ich wählte das Thema „Das Unternehmen als gesellschaftliche Veranstaltung“. Dazu stellte ich fünf Thesen auf:
These 1: Ein Unternehmen ist eine gesellschaftliche Veranstaltung.
Warum? Ein Unternehmen hat folgende Zielsetzungen:
1. die Gesellschaft mit Gütern und Dienstleistungen zu versorgen
2. dafür zu sorgen, dass die Arbeitsplätze im Unternehmen möglichst sicher und langfristig angelegt sind
3. eine angemessene Verzinsung des eingesetzten Kapitals zu erwirtschaften und
4. ökologischen Notwendigkeiten beim Wirtschaften Rechnung zu tragen
Alle vier Zielsetzungen dienen der Gesellschaft. Deshalb kann man ein Unternehmen als gesellschaftliche Veranstaltung definieren.
Als ich den Begriff in den 70er Jahren zum ersten Mal benutzte, gab es einigen Widerspruch: Das klinge ja fast sozialistisch, meinte ein älterer Kollege. Heute spricht man von Stakeholdern, den Kunden, den Mitarbeitern, der Öffentlichkeit und von Shareholdern, den Aktionären, den Gesellschaftern. Alle Beteiligten müssten in die Veranstaltung eingebunden sein, ihnen allen hätte sie zu dienen.
These 2: Die gesellschaftliche Veranstaltung funktioniert nur, wenn auf Dauer Gewinn gemacht wird.
Das heißt vereinfacht, die Einnahmen müssen größer sein als die Ausgaben. Auf Dauer gesehen. Dabei geht es um einen angemessenen Gewinn, nicht um kurzfristige Gewinnmaximierung. Es geht um den Gewinn, der langfristig die Lebensfähigkeit des Unternehmens – und dazu gehört naturgemäß auch Wachstum – sichert. Orientierung nur auf schnellen Gewinn führt zu Investitions- und Innovationsfeindlichkeit.
Im Übrigen geht es beim Gewinn um die klassisch-konservative Gewinndefinition, also den Jahresüberschuss und nicht um künstlich aufgebauschte Proforma-Zahlen. Wir müssen als Unternehmer im Interesse der eigenen Glaubwürdigkeit dabei für Klarheit sorgen. Der Begriffswirrwarr und die zweifelhaften Bilanzpolitiken, die vor allem in der Zeit der New Economy entstanden, müssen aufgeklärt werden.
Derzeit gibt es eine 25 %-Gewinn-Diskussion. Sogar die evangelische Kirche hat sich dazu geäußert, auch unter Verwendung moralischer Begriffe. Aber: 25 % von was? Vom Umsatz? Vom eingesetzten Kapital? Vom Eigenkapital? Vor Steuern? Nach Steuern? Da sind doch gewisse quantitative Unterschiede festzuhalten. Und wir als Unternehmer sollten sagen, was eine solche Zahl für unser Unternehmen bedeutet – in Euro.
Viele Leute sehen Gewinn grundsätzlich als etwas schlechtes an, viel wichtiger sei die Sicherung von Arbeitsplätzen. Aber es muss doch festgehalten werden: Ein Unternehmen, das über längere Zeit Verlust macht, ist unsozial, weil zur Deckung der Kosten anderen in die Tasche gegriffen wird – im Regelfall am Ende dem Steuerzahler.
Gewinn ist das Mittel zur Erfüllung der eigentlichen Ziele des Unternehmens und nicht umgekehrt. Gewinn ist also nicht Zweck des Unternehmens, sondern Messgröße dafür, ob die gesellschaftliche Veranstaltung Unternehmen funktioniert. So wie die Körpertemperatur anzeigt, ob der Körper gesund ist, aber selbst nicht die Gesundheit darstellt.
Hermann J. Abs, jahrzehntelang „Gottvater“ der deutschen Banken hat es so ausgedrückt: “Die Gewinnerzielung allein ist keine ausreichende Legitimation der wirtschaftlichen Betätigung gegenüber der Gesellschaft.“
Und Walther Rathenau meinte schon 1916 in seiner Schrift „Vom Ziel der Geschäfte“: „Dass Geschäfte gemacht werden, um Geld zu verdienen, scheint vielen ein so selbstverständlicher Satz, dass er nicht erst ausgesprochen zu werden braucht. Dennoch habe ich noch niemals einen wahrhaft großen Geschäftsmann und Unternehmer gesehen, dem das Verdienen die Hauptaufgabe seines Berufes war, und ich möchte behaupten, dass wer am persönlichen Geldgewinn hängt, ein großer Geschäftsmann überhaupt nicht sein kann.“
These 3: Die gesellschaftliche Veranstaltung ist nach den Regeln des Ehrbaren Kaufmanns zu führen.
Der Ehrbare Kaufmann erscheint bereits im Jahre 1495 bei Luca Pacioli, dem Erfinder der doppelten Buchführung, der in Kapitel 1 seiner „Summa“ fordert: „Es gilt nichts höher als das Wort des guten Kaufmanns und so bekräftigen sie ihre Eide, indem sie sagen: Bei der Ehre des wahren Kaufmanns (Per fidem bonae et fidelis mercatoris).“
Heute ist der Ehrbare Kaufmann in aller Munde. Wirtschaftsminister zu Guttenberg sagte Mitte Mai 2009 beim Globalen Wirtschafts- und Ethikforum mit Bezug auf Wilhelm Röpke, den Wegbegleiter von Ludwig Erhard: „Markt und Wettbewerb brauchen moralisch sittliche Reserven (…) Der Unternehmer kann nur so lange dauerhaft bestehen, wie er ehrbar denkt und handelt.“ Und er ergänzte, dass eine gewisse Renaissance des Begriffes derzeit spürbar sei, die sich aber allein auf die Begrifflichkeit beschränke und noch nicht substantiell unterfüttert sei.
Die CDU fordert in ihrem aktuellen Programm für die Europawahl 2009 den Ehrbaren Kaufmann und stellt fest: „Bei der internationalen Rechnungslegung muss der für den sorgfältigen Kaufmann zu beachtende Grundsatz der Vorsicht stärker berücksichtigt werden.“ Auch der Wirtschaftsrat der CDU stellt im Januar 2009 als eines von zehn Manager-Geboten in der sozialen Marktwirtschaft den ehrbaren Kaufmann als Vorbild unternehmerischen Handelns heraus: „Die wichtigste Aufgabe von Unternehmern und Managern ist es, ihr Unternehmen langfristig erfolgreich zu führen und Gewinne zu erwirtschaften. Dabei sollten die Leitlinien ihres Handelns die Prinzipien der deutschen Tradition des Ehrbaren Kaufmanns sein: Anstand, Ehrlichkeit, Verlässlichkeit und Verantwortlichkeit.“
Die Heinz und Heide Dürr Stiftung fördert zur Zeit eine Doktorarbeit zum Thema „Ehrbarer Kaufmann“, die zum Ziel hat, dem Begriff Substanz zu geben. Historisch definiert braucht der ehrbare Kaufmann im engeren Sinne neben seinem wirtschaftlichen Fachwissen einen gefestigten Charakter, der sich an Tugenden orientiert, die die Wirtschaftlichkeit fördern. Diese Tugenden sind Redlichkeit und Aufrichtigkeit, Sparsamkeit und Mäßigung, Entschlossenheit und Weitblick, Ordnung, und Fleiß sowie Demut. Seine Geschäftstätigkeit ist langfristig ausgerichtet. Er verschafft sich nicht auf Kosten anderer Vorteile. Die Tugenden stärken die eigene Glaubwürdigkeit und schaffen das für gute Geschäftsbeziehungen unerlässliche Vertrauen.
Der Ehrbare Kaufmann behält die vier Zielsetzungen meiner These 1 im Auge und versucht sie in Einklang zu bringen. Er weiß um die Bedeutung seiner Kunden, seiner Mitarbeiter, seiner Lieferanten, der Gesellschafter und wird sich einer „good citizenship“ befleißigen. Er entspricht mit Sicherheit nicht dem Zerrbild des raffgierigen Unternehmers, der sein Unternehmen nur als Melkkuh für sich sieht, und er entspricht auch nicht dem von den Medien hochgejubelten Börsenstar.
Er wird auch nichts tun, was gesetzlich verboten ist.
Der Ehrbare Kaufmann ist sicher vielmehr einer, für den der Leitsatz des alten Bosch gilt: „Geld kannst du verlieren, aber nicht den Ruf.“ Und vor allem gilt für ihn der Satz: „So etwas tut man nicht“. Das hat allerdings schon mit Moral zu tun. Vor allem dann, wenn man Moral als die der gesellschaftlichen Praxis zu Grunde liegenden und als verbindlich akzeptierten ethisch-sittlichen Normensysteme des Handelns und der Werturteile, der Tugenden und Ideale einer bestimmten Gesellschaft bzw. bestimmter gesellschaftlicher Gruppen versteht.
Der Ehrbare Kaufmann ist aber auch der Unternehmensleiter, der Personal abbaut, Werke schließt oder verlagert, Arbeitsgebiete abgibt. Das macht er aber, um sein Unternehmen wetterfest zu machen oder vielleicht sogar zu retten. Doch ist er es dann auch, der in die medialen Schlagzeilen als „böser“ Unternehmer gerät. Damit muss er leben. Und er sollte folgendes tun: mit seinen Mitarbeitern reden, ihnen die Lage erklären, auch wenn es noch so mühsam ist. Nur dann kann gemeinsam nach der besten Lösung gesucht werden. Dazu gehört auch, die Gesellschaft, die Öffentlichkeit zu informieren. Denn bei besten Lösungen geht es um eine gewisse Transparenz des unternehmerischen Handelns.
Oder wie der ermordete Deutsche-Bank-Chefs Alfred Herrhausen gesagt hat: „Wir wissen sehr genau, dass unsere Unternehmensstrategien ohne Öffentlichkeit und deren Zustimmung kaum erfolgreich durchgesetzt und praktiziert werden können.“
Bei der Transparenz gilt dann das, was die Süddeutsche Zeitung einmal als psychologische Milchmädchenrechnung bezeichnet hat: „Nur wer das Negative anspricht, macht sich auch im Positiven glaubwürdig. Beim Ertappen der Unwahrheit bricht dagegen für lange Zeit jegliche Kommunikationsbereitschaft zusammen.“
These 4: Das Vertrauen in die Wirtschaft, und damit in die Unternehmen, hat in den letzten Jahren grundsätzlich gelitten
„Die Menschen haben das Vertrauen in die Wirtschaft verloren“, sagte einmal lapidar Karl Otto Pöhl, der frühere Bundesbankpräsident. Natürlich hat es auch früher Betrug und Fälschung gegeben, aber die Sitten sind erheblich rauer geworden. Das Leitbild des Ehrbaren Kaufmanns sei verblasst, meint Gerhard Cromme. Und nach Justizministerin Brigitte Zypries ist: „der Ehrbare Kaufmann aus der Mode gekommen“. Wobei das schon etwas seltsam klingt, den ehrbaren Kaufmann als Modeerscheinung zu sehen.
„Fortune“, quasi das Zentralorgan der Wallstreet, macht für die Auswüchse in der Wirtschaft eine Entwicklung, nämlich die Übertreibungen in Sachen Shareholdervalue, verantwortlich und schreibt: „Aber als der wirkliche und einzige Grund für die Flut von furchtbarem Accounting muss wohl der Aufstieg des Shareholdervalue-Kults gesehen werden. Einfach gesagt, es wurde so viel Wert auf steigende Börsenkurse gelegt, dass viele Unternehmensführer fast alles – legal oder auch nicht – getan haben, dass dies eingetreten ist.“
Was ist da geschehen? Shareholdervalue wurde nicht mehr als eine Zielsetzung der gesellschaftlichen Veranstaltung gesehen, sondern als Bekenntnis zu einer ständigen Wertsteigerung für alle Zukunft. Mit dem Storchenschnabel wurde in die Zukunft projiziert und plötzlich gab es Kursgewinnverhältnisse von 50, 80 und mehr Prozent. Eine schlichte Rückrechnung, wie viel die Firma verdienen müsste, um den Börsenwert zu rechtfertigen, wurde nicht gemacht und nicht verlangt. Das hing wohl auch mit dem propagierten Paradigmenwechsel zusammen, den sich die New Economy auf die Fahnen geschrieben hatte und der quasi als theoretischer Überbau fungierte, in dem Bischof Reinhard Marx „eine Tendenz zum ökonomischen Imperialismus“ erkennt.
In der Praxis ergab sich viel Handfesteres: Die Aktienoptionen für das Management. Eine an und für sich richtige Idee – die Manager haben durch Beteiligung am Unternehmenswert das gleiche Interesse wie die Aktionäre, nämlich dass der Unternehmenswert steigt – wurde durch Übertreibungen ins Gegenteil verkehrt. Nicht mehr die langfristige Entwicklung des Unternehmens war entscheidend, sondern der kurzfristige bonusgetriebene Erfolg. Wenn Manager 100 Millionen US-Dollar oder mehr als Stock Option erhalten, dann ist das nicht mehr mit den Regeln des Ehrbaren Kaufmanns vereinbar. Dann überwiegen Gier und Angst bei den Vorständen.
Und wenn diese Verpflichtung der Unternehmen nicht einmal in der Bilanz erscheint, dann findet das bereits Luca Pacioli falsch, wenn er in Kapitel 21 seiner „Summa“ empfiehlt: „Die Kasse der Gesellschaft wirst Du zum Schuldner machen, wenn Du sie abgesondert hältst, denn das Geschäft besteht besser, wenn Du sie abgesondert von Deiner Privatkasse hältst, sofern Du derjenige bist, der die Gesellschaft leitet."
Dass die Menschen den Eindruck haben, in der Wirtschaft ist einiges aus dem Ruder gelaufen, ergibt sich eben auch aus solch extremen Entwicklungen bei Manager-Vergütungen. Auch wenn es sich um Einzelfälle handelt. Aber die werden in den Medien herausgestellt.
1970 erhielt ein CEO in den USA etwa 25-mal so viel wie ein durchschnittlicher Industriearbeiter. 1996 war es das 210-fache und seit 2000 ist es mehr als das 500-fache.
Professor Schwalbach von der Humboldt Universität Berlin legte kürzlich eine Vergütungsstudie für die Dax 30 Unternehmen für den Zeitraum 1987-2008 vor. Im untersuchten Zeitraum ist das Verhältnis der Pro-Kopf-Gehälter zwischen Vorstand und Mitarbeitern im Durchschnitt vom 14- auf das 49-fache gestiegen, mit deutlichem Anstieg in der zweiten Hälfte der 90er Jahre.
Eine interessante Entwicklung in diesem Zusammenhang ist bei der Deutschen Bank zu beobachten. Der Personalaufwand in 2007 für den Konzern betrug 13,1 Mrd. Euro. In 2008 waren es bei gleicher Mitarbeiterzahl 9,6 Mrd. Euro, also 3,5 Mrd. Euro weniger als im Vorjahr. Im Geschäftsbericht wird dies begründet mit „den deutlich niedrigeren leistungsabhängigen Vergütungen im Einklang mit den operativen Ergebnissen“. Vereinfacht entnehme ich: in 2007 wurden 3,5 Mrd. Euro Boni mehr als in 2008 ausgeschüttet. Auf wie viele Personen sich diese Boni verteilen, ist im Geschäftsbericht nicht erläutert. Aber dass diese Boni-Ausschüttung größer als die Dividendenausschüttung (2,3 Mrd. Euro) im gleichen Jahr ist, macht doch nachdenklich.
Zu den Ausuferungen bei den Vorstandsvergütungen sagte einst Helmut Maucher, ehemaliger Vorstandssprecher und Verwaltungsratspräsident von Nestle: „Man kann das keinem Menschen und keinem Mitarbeiter erklären, dass er Opfer bringen soll, und die anderen stecken dann 20 Millionen im Jahr in die Tasche. Es wäre auch falsch aus gesellschaftspolitischen Gründen, weil derartige Übertreibungen die Akzeptanz unseres kapitalistisch-marktwirtschaftlichen Systems reduzieren.“
Könnte es sein, dass in den USA die Ausuferungen größer sind, weil dort die großen Gesellschaften fast ausschließlich „widely held“ sind? Fühlen sich die Manager - sich selbst kontrollierend - als Eigentümer und bedienen sie sich entsprechend? In Europa, wo es mehr Großaktionäre gibt, sind da die Firmen zurückhaltender. Weil Großaktionäre das langfristige Wohl des Unternehmens stärker im Auge haben und wissen, was Angemessenheit bedeutet.
These 5: Das bestehende Regelwerk in Deutschland ist ausreichend um Auswüchse zu verhindern, aber es muss für größere Transparenz gesorgt werden.
Es gibt in Deutschland ein ausreichendes Regelwerk, das eine vernünftige und gerechte gesellschaftliche Veranstaltung möglich macht und sichert. An erster Stelle ist der Artikel 14 des Grundgesetzes zu nennen, in dem es heißt: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohl der Allgemeinheit dienen.“
Für mich handelt es sich beim Artikel 14 GG um einen Kerngedanken unser gesellschaftlichen Kultur. In der Weimarer Verfassung wurde das dadurch besonders betont, dass der entsprechende Artikel 153 in dem Abschnitt „Das Wirtschaftsleben“ aufgeführt wird. Versteht man den Artikel 14 GG nicht nur als Grundrecht, sondern – wie in Weimar explizit gesagt – als Bestandteil des Wirtschaftslebens, dann kann seine Bedeutung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.
Die Amerikaner haben übrigens einen solchen Artikel in ihrer Verfassung nicht. Bei Diskussionen mit amerikanischen Freunden haben mich diese darüber aufgeklärt, dass sie für vernünftiges Handeln keine Gesetze bräuchten. Denn wenn es Gesetze gäbe, würde man immer auch überlegen, wie diese zu umgehen seien.
Wir Europäer haben unsere lange Geschichte, wir leben mit unseren gewaltigen Umwälzungen und Veränderungen und wollen es offensichtlich genauer wissen. Und nur wenn man Adam Smith oberflächlich interpretiert, dem Markt und seiner „unsichtbaren Hand“ alles zutraut, dass der Einzelne nur das tun muss, was für ihn gut ist und dass das dann auch für die Gemeinschaft gut wird, könnte man sich in der Tat solche Artikel wie den Artikel 14 GG sparen. Aber vergessen die Protagonisten dieser Auffassung, die sogenannten Neoliberalen, die Adam Smith wie eine Fahne vor sich her tragen, dass Adam Smith Moralphilosoph war? Er hat gedacht, wie es der Großspekulant George Soros einmal ausgedrückt hat: „Märkte sind nur gut geeignet, um Wohlstand zu schaffen, doch sie sind nicht ausgelegt, um soziale Bedürfnisse zu stillen.“
Ganz besonders gilt dies für den Finanzmarkt. Wenn hier Billionen elektronisch um den Erdball gejagt werden, handelt es sich doch um einen virtuellen Markt, an den Adam Smith wohl kaum gedacht hat. Er hätte sich kaum vorstellen können, dass rund 90 - 95 % des Geldes, das täglich weltweit durch die Computer rauscht, als Finanzmasse unterwegs ist, und dass nur 5 –10 % zur Herstellung von Gütern und Dienstleistungen benötigt werden. 1980 entsprach die Welt-Geldmenge dem Weltbruttosozialprodukt. 2008 machte sie das zehnfache des Weltsozialproduktes aus; und 80 % der Welt-Geldmenge sind heute Derivate.
Wir haben das Aktiengesetz, das Mitbestimmungsgesetz, das Betriebsverfassungsgesetz und seit neuestem den Deutschen Corporate Governance Kodex. Alles bewährte Gesetze, die einiges sicher überregeln, aber deren Grundsätze stimmen.
Bei RWE wurde einmal nach einer Gehaltsaffäre eine Kommission eingesetzt, die ethische Verhaltsregeln für den Konzern erarbeiten sollte. Ihre Mitglieder waren ein ehemaliger Verfassungsrichter, ein Philosoph, ein ehrenwerter Lord und ein Weihbischoff. Ich frage mich: Bräuchte der ehrbare Kaufmann auch eine solche Kommission? Oder würde er sich einfach an den Rat halten, den der Weihbischoff ihm schon qua Amt geben würde: Achte die 10 Gebote, das 7. Gebot vor allem – „du sollst nicht stehlen“.
Der Deutsche Corporate Governance Kodex ist aus meiner Sicht zu sehr aus dem Anliegen der Investoren, aus der Sicht des Kapitalmarktes entstanden. Kunde, Mitarbeiter und Öffentlichkeit sind lediglich in der Präambel genannt. Investoren bewegen sich überwiegend auf dem Parkett der Börse. Aber die Börse ist nicht gleich Wirtschaft, sie ist nicht Ersatz für wirtschaftliche Aktivität. Natürlich ist der Kapitalmarkt ein wichtiger Teil des Gesamtmarktes, und da ist einiges zu regeln. Und auf dem Kapitalmarkt gibt es nicht nur Spekulanten, sondern auch die vielen Geldsammelstellen und Fonds, denen zahlreiche Menschen ihre Ersparnisse und Altersvorsorge anvertraut haben. Doch wenn der Kapitalmarkt zu stark dominiert, kommt es zu Fehlentwicklungen. Dann kümmern sich die Unternehmer und Manager nicht mehr in erster Linie um Kunden, um Mitarbeiter und die Öffentlichkeit. Es besteht vielmehr die Gefahr, dass sie zu reinen Dealmakern werden.
Nehmen wir als Beispiel die Hedgefonds, bei denen sicher soziale Kompetenz keine allzu große Rolle spielt. Linde-Chef Wolfgang Reitzle meinte einmal: „Die Leute, die Linde zerschlagen sehen wollen, möchten an einem Tag 30 % oder mehr mit uns verdienen. Dann wären wir im Nachhinein gesehen ein leuchtender Punkt auf dem Computerschirm eines Finanzinvestors, der sagt: Linde, nett, war ein prima Geschäft. Und einen Moment später wäre ein 126 Jahre altes Unternehmen vom Bildschirm verschwunden. Das ist doch kein unternehmerisches Konzept.“
Im Kodex steht unter anderem der Satz: „Vorstand und Aufsichtsrat arbeiten zum Wohle des Unternehmens zusammen.“ Dieser Satz – der übrigens sinngleich in § 2 Betriebsverfassungsgesetz steht – ist richtig und vernünftig. Das Gegenteil lässt sich kaum behaupten. Der Satz wäre also eigentlich überflüssig. Aber: Wer definiert das Wohl des Unternehmens? Wer hat die Definitionshoheit? Die Eigentümer, also die Aktionäre, wurde mir gesagt. Wer ist das? Sind das langfristig interessierte Investoren, Familienaktionäre zum Beispiel? Oder sind es Day Trader? Reine Spieler? Leerverkäufer, die am Unternehmen als solchem, also an der gesellschaftlichen Veranstaltung überhaupt kein Interesse haben? Die das Geschäftsmodell „Schneller Zock“ betreiben und von Shareholder Value reden, aber nur ihren eigenen Profit meinen?
Soweit meine fünf Thesen zum Unternehmen als gesellschaftlicher Veranstaltung.
Und was heißt nun Moral in diesem Zusammenhang? Genügt der Verweis auf den ehrbaren Kaufmann? Hilft der Klassiker David Hume weiter, der da sagt: „Endziel aller moralischen Spekulationen ist, uns unsere Pflicht zu lehren und durch zutreffende Schilderungen von der Hässlichkeit des Lasters und der Schönheit der Tugend entsprechende Gewohnheiten zu erzeugen und uns zu bestimmen, das eine zu meiden, dem anderen uns zuzuwenden“?
Ich nehme es ganz pragmatisch: Es kommt auf das Verhalten derer an, die in herausgehobener Verantwortung stehen, also der Leute, die ein Unternehmen führen. Da sind Persönlichkeiten gefragt, die sich durch Individualität, Originalität, Eigenwilligkeit und Leistungsvermögen auszeichnen. Sie müssen die Diskussion anstoßen, vorantreiben und sich entsprechend verhalten. Sie müssen die Wertediskussion mitbestimmen und gestalten.
Zwei Harvard Business Professoren für Betriebswirtschaftslehre haben einen Hippokratischen Eid für Manager erdacht: „Als Manager diene ich der Gesellschaft als Treuhänder einer ihrer wichtigsten Institutionen: Unternehmen, die Menschen und Ressourcen zusammen bringen und dadurch wichtige Produkte und Dienstleistungen hervorbringen (...) Ich gelobe, dass Belange die von Vorteil für meine Person sind, niemals Vorrang vor den Interessen des Unternehmens haben werden, mit dessen Management ich vertraut bin (...) Ich erkenne an, dass mein Ansehen und meine Privilegien als Manager auf das Ansehen und das Vertrauen zurückzuführen sind, die der Berufsstand insgesamt genießt.“
Ich füge hinzu: Führung hat auch mit Demut zu tun, denn je höher man steigt, desto mehr läuft man Gefahr, sich selbst zu überschätzen.
Meine Aussagen zum Thema Unternehmensführung und Moral möchte ich wie folgt zusammenfassen: ökonomisches Handeln und moralische Verantwortung sind keine voneinander getrennten Ziele. Vielmehr ist ökonomisches Handeln, für das die Unternehmensführung die Verantwortung trägt, dem Prinzip der moralischen Verantwortung zu unterstellen.
Die moralische Haltung, die im Grundsatz geprägt sein muss durch eine positive Einstellung zum Menschen, ergibt sich aus der jeweiligen Situation. Wir haben immer zu wählen zwischen Handlungsalternativen. Dabei muss die Zielsetzung der übernommenen Aufgaben maßgeblich sein.
Unternehmensführung ist als menschlicher Erkenntnisprozess eine ständige Abfolge von Versuch und Irrtum. Und meine Folgerung daraus lautet:
Unternehmensführung ist, möglichst wenig zu irren
Moral ist, es immer wieder zu versuchen.
Anmerkungen
Der Text entstammt dem Sammelband:
- Frohnmayer, Thomas, Kirchdörfer, Rainer, Kögel, Rainer, Lorz, Rainer, Wiedemann, Andreas (2009): Familienunternehmen in Recht, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft: Festschrift für Brun-Hagen Hennerkes, Beck Juristischer Verlag.
Dem Beck-Verlag möchten wir ausdrücklich dafür danken, dass wir den Text hier veröffentlichen dürfen.
Literatur von und über Heinz Dürr
- Sassmannshausen, Günther (Hrsg.) (2003): Heinz Dürr - Annäherungen an einen neugierigen Unternehmer, Campus, Frankfurt am Main.
- Dürr, Heinz (2008): In der ersten Reihe: Aufzeichnungen eines Unerschrockenen, Berlin, wjs Verlag.
Mehr über Heinz Dürr bei Wikipedia
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